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Rezension : Hexenkessel politischer Theorien und Phobien

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Das etwas grau Melierte des längst nicht mehr jungen Ansatzes: Gesellschaftsgeschichte von 1914 bis 1949. Hans-Ulrich Wehler knüpft mit Band IV an seine nicht selten kämpferisch vorgetragenen Theorien an und erntet gleichermaßen Anerkennung und Kritik.

          8 Min.

          Der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, die Weimarer Republik mit ihrem Scheitern und die nationalsozialistische Zeit mit Ostkrieg und Genozid - das waren jene von schmerzlichen Katastrophen geprägten Phasen, die für Hans-Ulrich Wehler die letzten Etappen eines deutschen Sonderwegs darstellten. Nach wenigen, das Zerstörungswerk des „Dritten Reichs“ widerspiegelnden Übergangsjahren hätten die Deutschen unverhofft nochmals die Chance zu einem staatlichen Neuanfang bekommen. Vor dem Hintergrund der drei staatlichen Untergänge in rascher Folge von 1918, 1933 und 1945 sei dieser vor allem deshalb geglückt, weil Deutschland als Bundesrepublik endlich von den Schlacken des zuvor so übermächtigen Nationalismus und einer Klassengesellschaft befreit gewesen sei. Bereits diese Leitaussagen Wehlers erklären das große Interesse an seinem neuen Werk, einer kompetenten politischen Studie, die in einer weithin orientierungslosen Zeit den historischen Sockel der Bundesrepublik kennzeichnet.

          Beeindruckende Schaffenskraft und gedankliche Schärfe

          Auch die Wertschätzung der deutschen Gesellschaftsgeschichte - es soll nun noch ein fünfter, der Bundesrepublik gewidmeter Band folgen - nährte dieses Interesse. Sie wurde vor 25 Jahren konzipiert, und schon die ersten drei, zwischen 1987 und 1995 erschienenen Bände wurden als Kern des OEuvres des Bielefelder Historikers mit Lorbeer bedacht. Gleichzeitig löste Wehler wegen nicht selten kämpferisch vorgetragener Präferenzen und Aversionen jedoch Diskussionen mit rekordverdächtiger Länge und erheblicher Kritik aus, was wohl niemanden daran gehindert hat, den monumentalen Bänden ob ihrer profunden Kenntnisse und Analysen große Bedeutung zu attestieren.

          Band 4 knüpft an diese Tradition nahtlos an. Es galt, Massen von vielfach kontroverser Literatur zu dem als neuerlichen „dreißigjährigen Krieg“ gekennzeichneten Zeitraum zu verkraften. Hinzu kommt, daß jede Gesellschaftsgeschichte zum 20. Jahrhundert mit vielen Vorgaben aus dem Bereich der schon damals global vernetzten internationalen Politik konfrontiert wird. Solchen massiven Herausforderungen stellte sich Wehler mit beeindruckender Schaffenskraft und gedanklicher Schärfe bei Ausweitung der auf das politische Geschehen ausgerichteten Passagen.

          Das Zeitalter der Extreme

          In seinem Buch bleibt es bei Wehlers traditioneller sozialwissenschaftlicher Orientierung, verbunden mit einem starken politischen Engagement für eine aufklärerisch als modern oder fortschrittlich gekennzeichnete Welt mit christlichen, humanistischen und westlichen Werten, denen Deutschland - wenn auch eingeschränkt durch seine Sonderwege - stets verpflichtet gewesen sei. Da für Wehler eine chronologische Ereignisgeschichte in erzählendem Stil nicht in Frage kommt, bieten seine tausend Textseiten eine Fülle hochwertiger, rational vorgetragener und problemorientierter Analysen und Erklärungen von historischen Prozessen. Sie sind, teilweise mit heftigen Verdikten verbunden, zu einem in sich stimmigen Gesamtbild verwoben. Thematisch konzentriert sich der Autor wie stets auf „seine“ vier Achsen: Wirtschaft, soziale Ungleichheit, politische Herrschaft und Kultur. Weitere Interessenschwerpunkte - wie der Erste Weltkrieg und die konfessionelle Frage als durchgängige Determinanten der gesellschaftlichen Entwicklung - gibt es in Fülle.

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