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Neuer Roman von Steven Price : Wie der Leopard zum Papiertiger wird

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Graf von Palma und Baron von Montechiaro und Torretta, als Kind Bild: mauritius images / ARCHIVIO GBB

Falschspiel Biographie: Steven Price verfehlt mit seinem Roman „Der letzte Prinz“ das historische Vorbild, Graf Giuseppe Tomasi di Lampedusa.

          3 Min.

          An einem grauen Wintermorgen Ende Januar 1955 geht Giuseppe Tomasi di Lampedusa – nicht der Schriftsteller, aber der gleichnamige Protagonist des Romans „Der letzte Prinz“ von Steven Price – in Palermo zum Arzt. Dr. Coniglio hat ihn zu einem Lungenfunktionstest bestellt und bringt ihm behutsam, doch ohne Umschweife bei, dass seine Befürchtung eingetreten ist: „Ein Emphysem. Es lässt sich vielleicht aufhalten, aber nicht heilen.“ Dann verschreibt er seinem Patienten etwas gegen die Schmerzen und drängt ihn, das Rauchen aufzugeben: „Sie müssen Ihre Lebensweise ändern. Regelmäßig Sport treiben. Spazieren gehen. Weniger essen. Sorgen und Stress vermeiden, wo Sie können.“

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Auf seinen Stock gestützt, macht sich Tomasi auf den Weg zur Buchhandlung Flaccovio in der Via Ruggero Settimo. Ein paar Ecken weiter steckt er sich eine Zigarette an. Die Diagnose lässt ihm keine Ruhe: „Das plötzliche, klare Bewusstsein vom eigenen Tod erfüllte ihn.“ Gegen seine Gewohnheit nimmt er einen Umweg und betritt, das erste Mal seit dreißig Jahren, eine Kirche: „Ihn bedrückte, wie wenig von ihm bleiben würde, wenn er erst tot war . . . Er, Giuseppe Tomasi di Lampedusa, hatte nichts hervorgebracht.“

          Im Caffè Mazzara trifft er seinen Cousin, den Lyriker Lucio Piccolo, und fragt ihn, „ob er je darüber nachgedacht hatte, was nach seinem Tod von ihm blieb“. Zerstreut bekennt er: „Ich dachte immer, ich würde mal einen Roman schreiben.“ Seiner Frau erzählt er nichts von dem Emphysem, sondern variiert das Thema: „Ich habe über Kinder nachgedacht“, sagt er leise, doch die kann darüber nicht lachen. Sie ist sechzig, er 58 Jahre alt. Am Abend schlägt er sein Notizbuch auf und beginnt zu schreiben: „Es überraschte ihn, wie leicht die Sätze kamen.“

          Falsche Tatsachen zur Vorlage

          In der ersten Episode biegt sich Steven Price die Motive zurecht, mit denen er glaubt, dem „späten“ Schriftsteller auf die Spur zu kommen und das Entstehen dessen Epochenromans „Il Gattopardo“ zu erklären: Im Angesicht des Todes befällt Tomasi eine Art Torschlusspanik, und er rafft sich auf, etwas Bleibendes zu schaffen. Der Begründungszusammenhang klingt plausibel, schematisch, ja geradezu lehrbuchhaft. Das Problem ist nur, dass er von falschen Tatsachen ausgeht. In der neuesten Biographie des Schriftstellers („Il principe di Lampedusa“, Palermo 2018) schreibt Salvatore Savoia, dass im Frühling 1957 die ersten Anzeichen eines Lungentumors auftraten, da war der Roman gerade fertig; und auch das Standardwerk „Giuseppe Tomasi di Lampedusa“ von Andrea Vitello (Palermo 1987), einem studierten Mediziner, datiert die ersten Symptome der Krankheit auf drei Monate vor dessen Tod am 23. Juli 1957.

          Ein Emphysem und ein Arztbesuch im Januar 1955 sind nicht belegt. Das muss nicht heißen, dass es sie nicht gab. Doch den Impuls, seinen Roman zu schreiben, bekundete Tomasi bereits auf einem Schriftstellertreffen Mitte Juli 1954 in San Pellegrino Terme, wohin er den von Eugenio Montale eingeladenen Cousin begleitet hatte. Den Stoff trug er sogar schon länger mit sich herum: Die Lyrikerin Maria Luisa Spaziani erinnert sich, dass Lucio Piccolo fürchtete, seine Angehörigen würden ihn „geradeso an gebrochenem Herzen sterben lassen wie den armen Giuseppe, der uns zwanzig Jahre bevor er mit dem Schreiben begann, unter dem Gähnen aller den ,Gattopardo‘ erzählte“.

          Steven Price: „Der letzte Prinz“. Roman. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 368 S., geb., 22,– .
          Steven Price: „Der letzte Prinz“. Roman. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 368 S., geb., 22,– . : Bild: Diogenes Verlag

          Statt Tomasis Biographie aus den Lebensverhältnissen und -zeugnissen zu erschließen, stülpt ihm der kanadische Autor Price ein vorgefertigtes Deutungsmuster über. Der Rat des Arztes erhellt es beispielhaft: „Sorgen und Stress vermeiden“ ist heute von Wien bis Vancouver die Standardformel, doch an der Lebensweise eines sizilianischen Fürsten geht sie vorbei. Tomasi di Lampedusa verbrachte seine Tage damit, seinen beiden Leidenschaften, der Literatur und den Süßspeisen, zu frönen: Am Morgen begab er sich zum Lesen in die Pasticceria del Massimo, ging am späten Vormittag in die Buchhandlung Flaccovio hinüber und setzte sich am frühen Nachmittag in die Pasticceria Caflisch. Sein Leben war nicht sorglos, er war verarmt, träge, übergewichtig, die moderne Zivilisationskrankheit Stress aber hat er nicht gekannt. Der letzte Spross einer alten Adelsfamilie fühlte sich einer Welt zugehörig, die es nicht mehr gab und deren Untergang er sehr bewusst registrierte.

          Price erwähnt das, doch er weiß nichts damit anzufangen. Der Selbstverständlichkeit, mit der er das Unzeitgemäße an Tomasi unterschlägt, entspricht eine gepflegte Unterhaltungsliteratur, die dessen Leben – angelehnt an „Il Gattopardo“? – in acht Episoden nacherzählt. Price hat viel gelesen, Orte besichtigt und mit Gioacchino Lanza Tomasi, dem Adoptivsohn und Erben, gesprochen. Die symbiotische Mutterbindung Tomasis, die Kriegsgefangenschaft und die Bildungsreisen in europäische Großstädte, die komplizierte Ehe mit der deutsch-baltischen Psychoanalytikerin Alexandra von Wolff-Stomersee, die Zerstörung des Palazzo Lampedusa, dem Ort seiner glücklichen Kindheit, die Ablehnung des Romans, dessen Welterfolg er nicht mehr erlebte – alle Lebensthemen kommen vor, doch werden sie durchsetzt mit Konversation und Kolportage, Sentimentalitäten und Smalltalk. Price lässt es menscheln und knistern, gefällt sich in Anspielungen, ergeht sich in Ausschmückungen und atmosphärischen Details und zieht oberflächliche Parallelen zum großen Vorbild. Tomasis Genie, sein Weltschmerz, seine abgründige Ironie werden benannt, aber nicht ausgelotet. Die gefällige Aufbereitung neutralisiert seine Fremdheit. Der Leopard als Papiertiger.

          Das Dilemma der fiktiven Biographie wird offenkundig: Ihr Protagonist ist mit der historischen Figur nicht identisch, doch wie dieser Gemeinplatz zur Lizenz für Entstellungen und Nivellierungen wird, lässt das Buch mehr über den Autor als über seinen Gegenstand mitteilen. „Der letzte Prinz“ verhält sich zu „Il Gattopardo“ etwa so wie eine amerikanische Fernsehadaption des Stoffs zum Film von Luchino Visconti. Die Alternative für den Leser ist greifbar: „Der Leopard“, wie der Roman nun wieder heißt, ist 2019 in einer neuen Übersetzung von Burkhart Kroeber erschienen.

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