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Neuer Roman von Steven Price : Wie der Leopard zum Papiertiger wird

Steven Price: „Der letzte Prinz“. Roman. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 368 S., geb., 22,– .
Steven Price: „Der letzte Prinz“. Roman. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 368 S., geb., 22,– . : Bild: Diogenes Verlag

Statt Tomasis Biographie aus den Lebensverhältnissen und -zeugnissen zu erschließen, stülpt ihm der kanadische Autor Price ein vorgefertigtes Deutungsmuster über. Der Rat des Arztes erhellt es beispielhaft: „Sorgen und Stress vermeiden“ ist heute von Wien bis Vancouver die Standardformel, doch an der Lebensweise eines sizilianischen Fürsten geht sie vorbei. Tomasi di Lampedusa verbrachte seine Tage damit, seinen beiden Leidenschaften, der Literatur und den Süßspeisen, zu frönen: Am Morgen begab er sich zum Lesen in die Pasticceria del Massimo, ging am späten Vormittag in die Buchhandlung Flaccovio hinüber und setzte sich am frühen Nachmittag in die Pasticceria Caflisch. Sein Leben war nicht sorglos, er war verarmt, träge, übergewichtig, die moderne Zivilisationskrankheit Stress aber hat er nicht gekannt. Der letzte Spross einer alten Adelsfamilie fühlte sich einer Welt zugehörig, die es nicht mehr gab und deren Untergang er sehr bewusst registrierte.

Price erwähnt das, doch er weiß nichts damit anzufangen. Der Selbstverständlichkeit, mit der er das Unzeitgemäße an Tomasi unterschlägt, entspricht eine gepflegte Unterhaltungsliteratur, die dessen Leben – angelehnt an „Il Gattopardo“? – in acht Episoden nacherzählt. Price hat viel gelesen, Orte besichtigt und mit Gioacchino Lanza Tomasi, dem Adoptivsohn und Erben, gesprochen. Die symbiotische Mutterbindung Tomasis, die Kriegsgefangenschaft und die Bildungsreisen in europäische Großstädte, die komplizierte Ehe mit der deutsch-baltischen Psychoanalytikerin Alexandra von Wolff-Stomersee, die Zerstörung des Palazzo Lampedusa, dem Ort seiner glücklichen Kindheit, die Ablehnung des Romans, dessen Welterfolg er nicht mehr erlebte – alle Lebensthemen kommen vor, doch werden sie durchsetzt mit Konversation und Kolportage, Sentimentalitäten und Smalltalk. Price lässt es menscheln und knistern, gefällt sich in Anspielungen, ergeht sich in Ausschmückungen und atmosphärischen Details und zieht oberflächliche Parallelen zum großen Vorbild. Tomasis Genie, sein Weltschmerz, seine abgründige Ironie werden benannt, aber nicht ausgelotet. Die gefällige Aufbereitung neutralisiert seine Fremdheit. Der Leopard als Papiertiger.

Das Dilemma der fiktiven Biographie wird offenkundig: Ihr Protagonist ist mit der historischen Figur nicht identisch, doch wie dieser Gemeinplatz zur Lizenz für Entstellungen und Nivellierungen wird, lässt das Buch mehr über den Autor als über seinen Gegenstand mitteilen. „Der letzte Prinz“ verhält sich zu „Il Gattopardo“ etwa so wie eine amerikanische Fernsehadaption des Stoffs zum Film von Luchino Visconti. Die Alternative für den Leser ist greifbar: „Der Leopard“, wie der Roman nun wieder heißt, ist 2019 in einer neuen Übersetzung von Burkhart Kroeber erschienen.

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