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Rezension : Der gerissene Feind erscheint im Verlegerkostüm

Romanheld Rumo Bild: Piper

Orpheus mit Kurzschwert: Walter Moers besucht in seinem neuen Roman „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ Zamoniens Unterwelt auf der Suche nach den Letzten Dingen.

          4 Min.

          Als es ernst wird, bittet der junge Held seine beiden Begleiter, mit ihm zu singen. Doch nur einer von ihnen kennt ein Lied. Bereitwillig singt er es seinen Gefährten vor: "Blut! Blut! Blut, das muß spritzen meterweit!" beginnt es, und das reimt sich dann auf "Blut in alle Ewigkeit". Später, nach den Beteuerungen "Töten ist fein" und "Köpfen ist toll", erklärt sich der Sänger schließlich seinen entsetzten Zuhörern gegenüber zu einem anderen Refrain bereit: "Hirn! Hirn! Hirn, das muß spritzen meterweit!" Ein redundantes Lied, sicher. Aber was kann man anderes von einem toten Dämonenkrieger erwarten, dessen Seele in einem Kurzschwert festsitzt?

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Walter Moers hat seine Geschichte des sagenhaften Kontinents Zamonien weitergeschrieben, jenes Landes aus dem Geist des Eklektizismus, das Raum bietet für eine Fülle phantastischer Lebewesen wie Buntbären, Stollentrolle, Berghutzen oder Finsterbergmaden, das über eine eigene Dichtung und Geschichtsschreibung verfügt und dessen Hauptstadt Atlantis, eine vollkommen unübersichtliche Metropole der unterschiedlichsten Ethnien, schließlich ins Weltall hinaufkatapultiert wurde. Nach "Die Dreizehneinhalb Leben des Käpt'n Blaubär" (1999) und "Ensel und Krete" (2000) erzählt Moers in seinem neuen Roman von den Abenteuern des aus "Käpt'n Blaubär" bekannten Wolpertingers Rumo.

          Abgefeimte Grausamkeiten

          Wer allerdings eine glatte Fortsetzung der Zamonien-Saga erwartet, wird gründlich enttäuscht werden. Denn die Welt, die Moers nun zeichnet, offenbart so lustvoll und ausdauernd ihre düsteren Seiten, daß man über all diesen abgefeimten Grausamkeiten, den Foltern und Metzeleien vergeblich jenes zwar aufregende, im Grunde aber ungefährliche Abenteuerland sucht, wie es einst von Käpt'n Blaubär beschrieben wurde. Ernsthaft zu Schaden kam dort praktisch niemand, und dieses Prinzip galt so offensichtlich, daß sich manche Bewohner Zamoniens absichtlich von hohen Felsspitzen hinunterstürzten, um die freundlichen Rettungssaurier zu provozieren, die den Sturz jedesmal zuverlässig aufhielten.

          Bild: Piper

          Das ist im neuen Roman anders. Jede der vielen in den Haupterzählstrang verwobenen Geschichten unterstreicht in "Rumo" die Botschaft von der tödlichen Gefahr, die jenen droht, die sich nicht zur Wehr setzen wollen oder können. So ist immer wieder von der legendären Lindwurmfeste die Rede, deren Bewohner im Vertrauen auf die gewaltigen Mauern lieber Künstler als Kämpfer sein wollten und schließlich allzu vertrauensvoll dem Feind die Tore öffneten - der hatte sich als Verleger kostümiert und versprochen, die Verse der Lindwürmer zu publizieren.

          Massenhaftes Sterben

          Rumo aber, der als Welpe von blutrünstigen Teufelsfelszyklopen auf eine Insel verschleppt und bis zur Schlachtreife gemästet wird, fügt sich von Beginn an in eine Umgebung, wo Gewalt alltäglich und die Bereitschaft zum Töten überlebensnotwendig ist. Er watet buchstäblich durch Ströme von Blut, beißt Kehlen durch und bricht Nackenwirbel, um sich und seine Leidensgenossen von den Zyklopen zu befreien. Als er später Aufnahme in Wolperting, der Stadt seiner Artgenossen, findet, lernt er, seine Kampftechnik zu perfektionieren. Schließlich werden die Wolpertinger von den finsteren Gefolgsleuten des wahnsinnigen Königs Gaunab in die Unterwelt verschleppt. Auf den Spuren seiner Geliebten folgt der zamonische Orpheus den Wolpertingern und befreit schließlich diejenigen, die noch nicht niedergemetzelt wurden. Auch die Rettung geht nicht ohne ein massenhaftes Sterben ab, das wohl kein einziger der Unterweltbewohner überlebt.

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