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Rezension : Der Brand

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Das Buch zeichnet das Schreckensbild des Bombenkriegs gegen deutsche Städte. Hautnah läßt der Autor die Leser das Grauen miterleben, appelliert dabei an ihre Emotionen. Jörg Friedrich, der Autor von "Der Brand", war früher Schauspieler und Regisseur; so hat das Buch eine an Filme erinnernde Dramaturgie.

          Das Buch zeichnet das Schreckensbild des Bombenkriegs gegen deutsche Städte. Hautnah läßt der Autor die Leser das Grauen miterleben, appelliert dabei an ihre Emotionen. Jörg Friedrich, der Autor von "Der Brand", war früher Schauspieler und Regisseur; so hat das Buch eine an Filme erinnernde Dramaturgie. Sie führt von den im Luftkrieg benutzten Angriffsmitteln und -verfahren über die Strategie zum Höhepunkt, dem Inferno, das sich unter den Bomberbesatzungen, vor allem aber am Boden abspielte; einige allgemeine Bemerkungen über Schutz-, Überwachungs- und Propagandamaßnahmen beenden den Band. Der Verfasser beherrscht die griffige Formulierung. Komplizierte technisch-wissenschaftliche Aspekte etwa der Zielauswahl oder Zielfindung werden prägnant und anschaulich geschildert. Manches gerät ihm allerdings überspitzt und salopp, worunter die Zuverlässigkeit leidet. Es schleichen sich Fehler ein, sowohl hinsichtlich der Datierung als auch bei technischen Fragen. Die "Kammhuber"-Linie etwa, der Riegel von Radargeräten zur Erfassung der Feindbomber und Führung der deutschen Jäger in Positionen, die einen Abschuß der Bomber ermöglichten, wurde nicht erst durch die Störung der deutschen Radargeräte mit Hilfe von "window" genannten Dipolen (seit 25. Juli 1943) lahmgelegt, sondern schon vorher durch die Einführung des "Bomberstroms": Die Masse der Bomber durchbrach den Radarriegel konzentriert an einer schmalen Stelle, an die dann nur eine völlig ungenügende Zahl von deutschen Jägern herangeführt werden konnte. Oder: Die Stadt Anklam fiel nicht "unbeabsichtigt" der Zerstörung anheim, sondern war von vornherein Ausweichziel für den Fall, daß das dortige Flugzeugwerk nicht gefunden werden konnte. So enthält das Buch manchen Irrtum und manche Unklarheit. Wichtige Literatur wurde nicht zur Kenntnis genommen, etwa Mierzejewskis "Bomben auf die Reichsbahn", das die eminent wichtige Rolle der Zerstörung des Bahnverkehrs in der letzten Kriegsphase für den Zusammenbruch beleuchtet. Aufschlußreich wäre auch ein Blick in Richard Overys "Why the Allies Won" (deutsch: "Die Wurzeln des Krieges") gewesen, weil dort gezeigt wird, daß die Bombardierung von Zivilisten in Städten durchaus gewaltige negative Auswirkungen auf die deutsche Rüstungswirtschaft und die militärische Widerstandskraft hatte und von einem die Ethik ausklammernden Standpunkt für die Alliierten nicht "vergebens" war. Man vermißt in dem Buch eine Analyse der dem Bombenkrieg zugrunde liegenden Überlegungen, die ja bei den Amerikanern und anfangs auch bei den Engländern keineswegs primär auf das Töten von Zivilisten abzielten. So wird zu wenig differenziert. Der Bomber galt bei allen größeren Mächten als neue technische Waffe, deren Besitz einen nationalen Vorteil bedeutete. Vor allem sollte er es ermöglichen, den blutigen Stellungskampf des Ersten Weltkriegs durch Umfassung aus der Luft zu vermeiden. Abgesehen von den humanitären Grundauffassungen des Gewohnheitsvölkerrechts gab es für den strategischen Bombenkrieg noch kaum vertragliche Regelungen. Nicht alle Staaten übertrugen die einschlägigen Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung auf diese Art des Bombardements. Allgemein herrschte die Auffassung, daß militärisch relevante Ziele wie Fabriken und Kasernen in Städten im Rahmen der Verhältnismäßigkeit angegriffen werden durften. Je länger der Zweite Weltkrieg andauerte, desto mehr trafen sich die Hauptluftmächte auf dem untersten gemeinsamen Nenner: dem des Terrorluftkriegs gegen die Zivilbevölkerung. Zuerst die Engländer, denn sie hatten es versäumt, Zielverfahren zu entwickeln, und konnten so, als sie bei Tage mit ihren Bombern nicht mehr durchdrangen, nachts keine spezifizierten Ziele, sondern - wenn überhaupt - nur Städte treffen. Als einzige Luftmacht kannten sie zudem in ihrer Doktrin - jedoch auf die Kolonien bezogen - die Bekämpfung von Zivilisten aus der Luft, allerdings nach vorheriger Warnung, die aber nicht immer rechtzeitig bekannt wurde. Der Nachweis, daß in den Mandatsgebieten Irak und Palästina sowie in Nordwestindien wenige Bomber kostengünstiger und mehr zur Befriedung beitragen konnten als wochenlange Infanterie-Expeditionen durch die Wüste, half der jungen Royal Air Force Anfang der 20er Jahre zu überleben, als sie auf Druck der beiden älteren Teilstreitkräfte wieder aufgelöst werden sollte. Die britische Luftkriegsdoktrin wurde ferner davon beeinflußt, daß man sich im frühindustrialisierten demokratischen England der Interdependenz von Bevölkerung, Industrie, Militär, Volk und Regierung in einer Industriegesellschaft und daraus folgend der Bedeutung einer Demoralisierung der Zivilbevölkerung durch die Zerstörung ihrer Wohnhäuser, der Verkehrs- und Versorgungsanlagen mehr als anderswo bewußt war. So blieb es auch dann bei den Flächenangriffen auf Städte, als das "Bomber Command" genauere Zielverfahren entwickelt hatte. Die deutsche Luftwaffe schwenkte im Frühjahr 1942 auf Befehl Hitlers mit den "Baedeker"-Angriffen auf englische Städte mit historischer Bausubstanz auch der vollen Absicht nach auf den unterschiedslosen Bombenkrieg ein, wenn auch aus Mangel an Flugzeugen zunächst nur kurzzeitig. (Die Angriffe etwa auf Warschau, Rotterdam oder Coventry waren dagegen nicht als Terrorangriffe geplant gewesen.) Eine Fortsetzung bildete dann die V-Waffen-Offensive 1944/45. Die Amerikaner folgten auf diesem Weg seit Winter 1943/44 mit ihren ungenauen, durch Radar geleiteten Bombardierungen durch die Wolkendecke, wobei schon der gruppenweise Abwurf für große Streuung sorgte. Mit dem Brandbombenabwurf auf Tokio am 10. März 1945 und den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki erreichte der unterschiedslose Bombenkrieg seinen Höhepunkt. Die durch die technischen Möglichkeiten der Bomberwaffe gegebene Versuchung ließ überall bestehende moralische Bedenken hinter sich. Sachlich bringt das Buch nichts, was man nicht schon in der wissenschaftlichen Literatur oder den vielen lokalen Beschreibungen des Luftkriegs "von unten" hätte lesen können. Friedrich faßt dies zusammen zu einem Kolossalgemälde des Schreckens. Da er zugleich auf die Kunst und Geschichte der zerstörten Städte zurückblickt, macht er zudem den Kulturbruch deutlich, den dieser Bomben- krieg ebenso wie die vom NS-Regime begangenen Ungeheuerlichkeiten darstellten. Friedrich verdient Anerkennung für den Versuch, das komplizierte Luftkriegsgeschehen - zumindest soweit es das Schicksal der deutschen Zivilbevölkerung betrifft - in einem Buch darzustellen. Wissenschaftlich eher nicht sehr verläßlich, gewinnt es durch die an der Bildersprache des Fernsehens orientierte Formulierungskraft des Autors große literarische Durchschlagskraft. Vielleicht kann das Buch so eine Ergänzung der vorliegenden wissenschaftlichen Forschungsergebnisse "von unten" sein.

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