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Retortenkinder : Die Petrischale schützt vor Spießern nicht

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Künstliche Befruchtung im Labor: Unter einem Mikroskop werden Spermien des Vaters in eine Eizelle der Mutter injiziert Bild: epd

Sibylle Lewitscharoffs Rede über Kinder aus der Retorte hat gezeigt, wie umstritten die Reproduktionsmedizin ist. Andreas Bernards Buch „Kinder machen“ gibt sich abgeklärt. Ist das mehr als eine Pose?

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          Ihre genaue Zahl kennt keiner, aber es gilt als gesichert, dass inzwischen mehr als fünf Millionen Retortenkinder geboren wurden. Gezeugt wurden noch viel mehr, denn trotz dieser imposanten Zahl ist die Effizienz der Laborzeugung vergleichsweise bescheiden.

          Von hundert Müttern, die sich einer In-vitro-Fertilisation unterziehen, gehen in Deutschland allenfalls fünfzehn bis zwanzig Frauen tatsächlich mit einem Kind nach Hause. Etliche befruchtete Eizellen reifen erst gar nicht heran, viele Embryonen sterben im Mutterleib, und Hunderttausende von Embryonen harren tiefgekühlt weltweit ihres weiteren Schicksals.

          Von der Geschichte der Reproduktionsmedizin, wie sie zur Routinetherapie wurde und welche kulturhistorischen Prämissen dafür über den Haufen geworfen werden mussten, davon handelt das soeben erschienene Buch „Kinder machen“ von Andreas Bernard, Redakteur beim „SZ Magazin“.

          Der Autor verfährt zweigleisig. Zum einen widmet er sich in einem medizinhistorischen Erzählstrang den Verästelungen der Forschung, zum anderen lässt er eine Art Reportage-Collage entstehen, die sich aus Eindrücken von aktuellen Schauplätzen speist, etwa Samenbanken oder Kliniken zur Kinderwunschbehandlung.

          Gefragte Samen stammen von Akademikern, Sportlern und Künstlern

          Post hoc betrachtet, erweist sich der Weg von der Entdeckung von Spermium und Eizelle bis hin zu der Erkenntnis, dass diese beiden Zellen genügen, um Menschen zu zeugen, als windungsreich. Als Antoni von Leeuwenhoek 1677 unter dem Mikroskop die wuselnden Samenzellen sah, Regnier de Graaf kurz zuvor die weiblichen Eierstöcke genauer beschrieb und schließlich 1827 Karl Ernst von Baer das Säugetier-Ei entdeckte, war noch nicht ausgemacht, dass dies die Ingredienzien der modernen Reproduktionstechnologie sein würden.

          Bevor jedoch Samen- und Eizelle in der Petrischale ihren Pas de deux haben durften, musste sich die Insemination des Samens in der Gebärmutter etablieren. Zunächst wurde er vom Ehemann genommen, um den Spermien den Weg zur Eizelle zu verkürzen. Später wollte man so im Falle der Zeugungsunfähigkeit des Vaters einer Familie mittels Fremdsamen zu einem Kind verhelfen.

          Bernard legt dar, dass diese Entwicklung von Anfang an von einer „eugenischen Phantasie“ flankiert wurde. Damals wie heute sollten Samenspender geistig rege und körperlich so fit wie möglich sein, sich vorzugsweise als Akademiker, Künstler oder Sportler hervorgetan haben.

          Geistig rege, vorzugsweise Akademiker: So stellen sich viele Samenbanken den perfekten Spender vor

          So werbewirksam lauteten denn auch von Beginn an die Angebote aus den Spenderkarteien der Samenbanken, die ab den sechziger Jahren zunächst in den Vereinigten Staaten gegründet wurden. Der Autor besuchte mehrere davon und berichtet, dass ein Betreiber in München nur „Studenten“ als Spender nimmt - unter Vorlage einer Immatrikulationsbescheinigung -, damit er sich wegen des IQ keine Sorgen machen müsse.

          Wer für die Samenlieferanten nur zerlesene Sexmagazine neben einer Küchenrolle bereithält, kommt nicht so gut weg wie die Berliner Samenbank von David Peet, wo der Chef eigenhändig die Pornofilme für den geschmackvoll eingerichteten Spenderraum aussucht.

          Hauptsache robust: die Ansprüche an Leihmütter sind gering

          Das ist eine jener Stellen, an denen man den Leser mit mehr Abgeklärtheit für das Alltagsgeschäft der Reproduktionsmedizin hätte konfrontieren können. Nicht umsonst gibt es in einschlägiger Fachliteratur Tipps im Umgang mit „betrügerischen Samenspendern“ oder „ungehorsamen Leihmüttern“ („Virtual Mentoring“, Bd. 16, S. 43).

          Da hat es die Gewinnung von Eizellen zu Spenderzwecken schwerer und leichter zugleich, verlangt sie zwar massive hormonelle Stimulation der Eierstöcke, aber die Bauchoperation zur Entnahme funktioniert medizinisch steril und ohne Schmuddelcharakter. Anders verhält es sich bei der Leihmutterschaft.

          Die beiden Varianten der weiblichen Assistenz bei der künstlichen Zeugung werden unterschiedlich bewertet: Während die Eizellspenderin ebenso wie der Samenspender genetisch möglichst zu einer wie auch immer imaginierten Elite gehören soll, werden an Leihmütter, die im Verständnis der meisten Menschen das Kind „nur“ austragen, kaum Ansprüche gestellt.

          Sie stammen aus Schichten, mit denen die Frauen, die sie für das Austragen ihrer Kinder bezahlen, sonst keinen Umgang pflegen, allenfalls körperlich gesund und „robust“ soll die Leihmutter sein.

          Bernard weist hier auf interessante Parallelen zur Bewertung von Ammen hin. Leider wird der neuralgische Punkt der Prägungen im Mutterleib hauptsächlich einseitig im Hinblick auf die psychischen Bande der Mutter zum Kind diskutiert.

          Auch die ausführlichen Schilderungen der bekannten Prozesse um die Rechte von Leihmüttern, beispielsweise der Rechtsstreit um „Baby M“ zwischen der ersten kommerziell vermittelten Leihmutter Mary Beth Whitehead und ihren Auftraggebern, konzentrieren sich auf die Emotionen nach der Geburt, nicht auf körperliche Fährnisse für das Kind.

          Andreas Bernard: „Kinder machen“. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014

          Dabei ist es medizinisch durchaus problematisch, dass eine Frau ein Kind austrägt, das keinerlei Gene von ihr besitzt - schon der Organismus der biologischen Mutter muss immunologisch regelrecht Verstecken spielen mit dem Ungeborenen, denn es passt nur halb zu ihr, ist ein regelrechter Fremdkörper. Solche biologischen Widrigkeiten führen dazu, dass nur sechzig Prozent der Leihmütter lebende Kinder zur Welt bringen („Human Reproduction“ Bd. 5, S. 483).

          Verklärende Darstellung

          Auch sonst dominiert der Eindruck, dass die Kritik an der Reproduktionsmedizin vornehmlich von Weltanschauungen herrührt. Der Bischof von Augsburg, der 1978 eine Laborzeugung für „schlimmer als die Atombombe“ hielt, wird zitiert. Die massive und berechtigte Kritik von Ärzten an der unkritischen und Jahrzehnte währenden Zeugung von Mehrlingen, findet keinen Nachhall im Buch. Dabei leiden diese Eltern vermutlich weniger an der gesellschaftlichen Stigmatisierung als an der Not ihrer fehlgebildeten oder infolge von Gehirnblutungen gelähmten und sonst schwerwiegend gehandicapten Kinder.

          Die Manipulationen im Labor werden eher verklärt: So heißt es im Buch, dass ein Zwillingspaar, unter dem Einfluss von Walkürenmusik gezeugt, musikalischer geworden sei als andere Kinder - es klingt als Anekdote nett, ist aber ein wissenschaftlicher Offenbarungseid.

          Beim Autor ruft die reproduktionsmedizinische Kerntätigkeit im Labor, das Manipulieren der Zellen, ein Gefühl „der Banalität, ja der Langeweile hervor“. Was in der Petrischale geschieht, ist jedoch nie banal, unter Umständen ist es sogar fatal, die Reproduktionsmedizin hat eine dunkle Seite, die eben nicht nur von gesellschaftlichen Vorurteilen herrührt, sondern mit den bei Aborten gestorbenen „Sternenkindern“ zu tun hat, mit der massiven Überforderung der Mütter von Drillingen, mit Krankheit und gescheiterten Lebensentwürfen.

          Fundament für ein neues Gesellschaftsbild

          Stattdessen gibt es vorwiegend von geglückten Ausgängen zu lesen. Wie üblich, wenn gezeigt werden soll, wie gut die neuen Familienstrukturen funktionieren, müssen die Studien von Susan Golombok herhalten. Die Psychologin machte vor Jahren auf Kongressen die Runde und zeigte jedem, der es gern hörte, wie überdurchschnittlich glücklich In-vitro-Elternpaare mit ihren Kindern sind.

          Wer sich mit Statistiken auskennt, weiß, wie verzerrt sie sein können. Man müsste Eltern von Retortenbabys befragen, die nicht antworten und sich nicht outen wollen, was sie umtreibt und warum vielleicht nicht alles so gelungen ist.


          Deshalb möchte man dem Fazit des Buches, von den mittels assistierter Reproduktion neu formierten Lebensgemeinschaften, von den Randgruppen, die vormals keine Kleinfamilie mit Nachwuchs gründen konnten, gehe eine Erneuerung des Konstruktes Familie aus, nicht ohne weiteres folgen.

          Obwohl für die neue Familienidylle ein perfektes Beispiel gewählt wurde: Eine Ärztin und eine Verwaltungsangestellte leben in einem „kleinen Haus“ im Westen von München und bringen mit Hilfe eines homosexuellen Computerunternehmers, der „Ruhe und Rationalität“ ausstrahlt (ob er auch noch sportlich war, erfahren wir nicht), ein Mädchen zu Welt.

          Wie aufgeklärt liberal hier alle miteinander umgehen, ist ebenso klischeehaft wie die Brüskierung der ach so konventionellen, heterosexuellen Eltern der Kindergartengefährten der Tochter. Spießigkeit lauert eben auch dort, wo Ideologie sie nicht sehen will.

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