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Herzogin Anna Amalia Bibliothek : Mozart aus der Asche gelesen

800 Handschriften, 250.000 Aufnahmen

Die Methode der Multispektraldigitalisierung ist nicht neu, wurde aber im kulturwissenschaftlichen Kontext bislang nur selten verwendet. Einzelne Gemälde sind so auf ihre Echtheit überprüft und ihre Entstehung nachgezeichnet worden. Am bekanntesten sind wohl die Schriftrollen von Qumran aus dem Westjordanland, die Wissenschaftler vor über zwei Jahrzehnten mit Nasa-Technik wieder lesbar machten. Auch hier waren es multispektrale Aufnahmen im Infrarotbereich, die Schriftzeichen wieder sichtbar machten, die das Auge kaum mehr erkennen konnte. Auch wesentliche Details des Codex Sinaiticus, einer Septuaginta-Handschrift aus dem vierten Jahrhundert, konnten 2009 so zurückgewonnen werden.

Eine Notenhandschrift des Jenaer Komponisten Heinrich Funk: Was durch Löschwasser unkenntlich wurde, kann die Multispektraldigitalisierung wieder lesbar machen.

An der Universität Göttingen dient das Palimedes-Projekt der editorischen Erschließung mittelalterlicher Handschriften der griechischen Profanliteratur, die Bayerische Staatsbibliothek in München setzt Infrarot-Fotografie ein, um Wasserzeichen im Papier zu dokumentieren. Schon diese wenigen herausgehobenen Beispiele belegen die Vielseitigkeit dieser noch recht jungen Methode. Doch noch nie zuvor ging es bei den Untersuchungen um so große Mengen, wie Weimar sie jetzt plant. Auch sind die Schäden in Weimar andere, als die durch Alterung oder Überschreiben bzw. Übermalen hervorgerufenen.

Die Noten und Textpartien, um die es jetzt geht, lassen sich nicht mehr lesen, zudem überlagert oft feine Asche die Blätter, oder das Löschwasser hat die Tinte ausgewaschen. Die schiere Menge, 800 Notenhandschriften, erfordert 250.000 Aufnahmen, um das, was verschwunden ist, zu visualisieren. Das Konzept für diese Größenordnung, das auch auf wirtschaftliche Aspekte eingeht, ist bisher ohne Beispiel.

Ausweitung des Verfahrens

Als Partner wurde dafür die in Berlin ansässige MusterFabrik gewonnen, eine Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik. Das junge Unternehmen hat sich auf die digitale Erfassung und Wiederherstellung von stark geschädigtem Schriftgut spezialisiert und mit der automatisierten Rekonstruktion von Schriften des eingestürzten Historischen Archives in Köln Erfahrungen gesammelt. Die wissenschaftliche Begleitung des Vorhabens wird die Hildesheimer Hochschule übernehmen, die ihren Studenten der Studiengänge Konservierung und Restaurierung zudem eine praxisnahe Ausbildung dank der Kooperationen mit historischen Sammlungen, Bibliotheken und Archiven bietet.

Das Verfahren des Weimarer Forschungsprojektes, an dessen Gelingen nicht zu zweifeln ist, kann nicht allein der Musikwissenschaft verloren Geglaubtes wieder zugänglich machen. Es wäre auch anwendbar auf die zu Tausenden in den Depots historischer Bibliotheken, etwa in Dresden und Hannover, lagernden, in ihrem Wert unschätzbaren Bücher und Handschriften, deren Schäden noch von den letzten Kriegsverheerungen herrühren. Oder auch auf die „Kahnakten“ aus dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalens, die seit fast siebzig Jahren in Düsseldorf ihrer Rettung harren. Das kostbare Archivgut war 1945 auf ein Schiff gebracht worden, das nach einem Bombenangriff sank. Fast ein halbes Jahr lag das Konvolut auf dem Grunde des Rheins, wurde geborgen und liegt seitdem, mit ähnlichen Schäden wie in Weimar, im Depot.

Lange wusste niemand, wie mit diesen als irreparabel geltenden Verlusten umzugehen sei. Nur verwahrt hat man sie, weil man solche Zeugnisse der Zivilisation genauso wenig wegwirft wie Tonscherben, die einmal zu einer kunstvollen Vase oder Schale gehört haben. Sie sind Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Das Weimarer Multispektralprojekt stößt ein neues Fenster auf, um das alles endlich wieder sichtbar zu machen.

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