https://www.faz.net/-gqz-wgdv

Religionskritik : Auch Himmelsstürmer können irren

  • -Aktualisiert am

Von Dawkins ausgeblendet: Sinnvolle Gespräche zwischen Theologie und Naturwissenschaften Bild: ddp

Der Bestseller-Autor Richard Dawkins sieht sich als Protagonist des „neuen Atheismus“. Doch nirgendwo klärt er richtig, gegen wen oder was sich seine Religionskritik wendet. Unschärfe scheint bei Dawkins Erfolgsprogramm.

          Die Entschiedenheit, mit der Richard Dawkins, dieser Protagonist des „neuen Atheismus“, auftritt, steht in seltsamem Kontrast zu einer grundlegenden Unschärfe: Nirgendwo wird von Dawkins richtig geklärt, wen oder was genau er im Visier hat, wenn er sich gegen die Religion wendet. Wendet er sich gegen die Religion der Fundamentalisten in den Südstaaten oder gegen die Religion derer, die den Irakkrieg als Kreuzzug betrachten? Visiert Dawkins' Religionskritik jene Abtreibungsgegner an, die zur Not einen Arzt töten, oder die Kreationisten mit ihrer Sechs-Tage-Welt? Unschärfe scheint bei Dawkins Erfolgsprogramm. Sie prägt jedenfalls sein Buch „Der Gotteswahn“ (Ullstein Verlag), das auch hierzulande seit Monaten einen Spitzenplatz auf der Bestsellerliste behauptet.

          Was ist von theologischer Seite zu Dawkins' Voodoo-Theologie zu sagen? Nach breitem theologischem Konsens braucht sich ein aufgeklärter Gottesglaube nicht vor dem naturwissenschaftlichen Wissensstand zu fürchten. Die beste Antwort auf Dawkins ist nach meinem Dafürhalten das Buch von Hans Küng „Der Anfang aller Dinge“ (Piper Verlag, 2005), das auf neuestem Wissensstand eine Grundsatzreflexion über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion bietet. Küng strebt eine Übersicht über den Gesprächsstand an, trägt seine Argumente jedoch ohne Polemik, mit Respekt und gebotener Selbstkritik vor. Statt hier den Dschungelkrieg um Schnellschüsse, absurde Unterstellungen und isolierte Anekdoten fortzuführen, versuche ich lieber entlang der Küngschen Argumentation zur Versachlichung des Themas beizutragen.

          Gegenseitiger Respekt bezieht sich auf Kosmologie und Evolutionstheorie

          Was Dawkins ausblendet: Zwischen Theologie und Naturwissenschaften finden schon seit Jahrzehnten sinnvolle Gespräche statt. Die Zeiten, da wir uns gegenseitig als Idioten oder als halsstarrige Leugner verteufelten, sind vorbei. Scharfmacherei findet in der Sache keinen Halt. Der gegenseitige Respekt bezieht sich auf Kosmologie und Evolutionstheorie, auf die Frage nach dem Beginn der Menschheit sowie des menschlichen Geistes, schließlich auf die Frage nach einem verantwortbaren Gottesbild. Nach aller Erfahrung kann die Theologie den Mainstream der naturwissenschaftlichen Ergebnisse akzeptieren und als Bereicherung empfinden. Das gilt sogar für manche naturwissenschaftliche Passagen von Dawkins' Buch.

          Dawkins Buch „Der Gotteswahn” hat seit Monaten einen Spitzenplatz auf der Bestsellerliste

          Natürlich schließt ein solches Gespräch für die Theologie Lernprozesse ein, wie sie etwa Küng ausführlich analysiert, Dawkins aber gar nicht erst zur Kenntnis nimmt. Wie schon die Affäre Galilei zeigte, haben sich religiöse, immer kulturgebundene Weltbilder naturwissenschaftlichen Ergebnissen zu beugen. Niemand sollte bestreiten, dass solche Lernprozesse Theologie und Religion bereichern und interessanter machen. Wir wissen heute mehr von den Wundern von Weltall, Leben und Erkennen als jede Generation zuvor. Deshalb kann man auch von Dawkins dort lernen, wo er überraschende Details etwa der biogenetischen Evolutionstheorie darlegt. Aber mit seiner Absicht, damit den Sinn eines Gottesglaubens zu ruinieren, erreicht er das Gegenteil. Allerdings lernten religiöse Großorganisationen immer erst dazu, nachdem sie wieder eine Schlacht verloren hatten.

          Ohne Gespür für Rätselhaftes

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Topmeldungen

          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.