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Buch über „Wahnsinn Schule“ : Feuerzangenbowle statt Fack ju Göhte

Fühlt sich wohl in seinem „wilhelminischen Schulpalast“ am Perelsplatz in Berlin-Friedenau Bild: Picture-Alliance

Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß: Rektor Michael Rudolph macht sich für klare Regeln und Strafmaßnahmen im Schulalltag stark. Erfolgreich ist er damit – aber ist sein System wirklich fair?

          5 Min.

          Dass in diesem Lagebericht von „Deutschlands strengstem Schulleiter“, als der Michael Rudolph gelegentlich bezeichnet wird, Corona nur auf wenigen Seiten vorkommt, erscheint zunächst als Mangel. Schon nach kurzer Lektüre aber wird deutlich, dass die schulischen Probleme, die der Autor beschreibt, weit über die Widrigkeiten der Pandemie hinausgehen, sie gewissermaßen in den Schatten stellen.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Schaut man sich mit Rudolph nur die Leistungsmessungen an deutschen Schulen in den vergangenen Jahren an, von den jüngsten Pisa-Studien über den IQB-Bildungstrend bis zu den Vergleichstests „Vera“, ist das Ergebnis schon alarmierend genug: Eine erhebliche Prozentzahl unter den deutschen Schülern liest und rechnet auf den weiterführenden Schulen noch auf Grundschulniveau, mehr als die Hälfte erreicht nicht die erwünschten Durchschnittswerte, es fehlt ein starkes Mittelfeld. Rechnete man konsequent die Gymnasien heraus, wäre das Bild noch weit schlechter. Der zynisch klingende Eindruck drängt sich auf: So viel an Bildungsinhalten wird in der Pandemie wohl nicht verpasst werden, wenn bei einer erheblichen Anzahl deutscher Schüler schon der analoge Unterricht kaum ankommt. Das ist natürlich alles andere als beruhigend.

          Wie ist so mancher Präsenzunterricht eigentlich konzipiert, da Schüler, von ihren jeweiligen Voraussetzungen einmal abgesehen, in ihm so wenig lernen? Warum gibt es bei vielen so große Lücken, warum werden sie nicht ausreichend erkannt und behoben? Michael Rudolph, seit vierzig Jahren im Schuldienst, zuletzt als Direktor an der einstmals berüchtigten Bergius-Schule in Berlin-Friedenau, beschäftigt sich in seinem Buch ausschließlich mit solchen Schülern, die an den sogenannten Brennpunktschulen ihren Platz im Leben zu finden versuchen. Das ist die Stärke dieses zusammen mit der Journalistin Susanne Leinemann formulierten Lageberichts.

          Jedem neuen Schüler an seiner integrierten Sekundarschule ohne gymnasiale Oberstufe stellt er im persönlichen Gespräch eine einfache Frage: „Was ist 3 mal 9?“ Das Ergebnis ist niederschmetternd. Zwei Drittel können nicht prompt antworten, ein Drittel davon nennt nach zähem Ringen das richtige Ergebnis, und das andere Drittel hat, wie Rudolph schreibt, keine Ahnung, wie es zu einer Antwort gelangen soll. Wenige Seiten später, Rudolph hat gerade von einer haarsträubend schlecht ausgefallenen Mathematikvergleichsarbeit in der siebten Klasse seiner Schule berichtet – in Berlin beginnen die weiterführenden Schulen erst nach sechs Jahren –, lässt sich der erfahrene Direktor gar zu der Aussage hinreißen: „Niemand kann wirklich etwas. Niemand.“

          Rudolphs Diagnose ist schonungslos: An vielen deutschen Schulen werde nicht genug geübt, gebüffelt, gepaukt. Für ihn ist das Ausdruck eines Versagens: „Eine Schule, in der nicht gelernt wird, ist nutzlos.“ Sein Gegenprogramm an der Bergius-Schule, das bei Leistungsmessungen zu überdurchschnittlich guten Ergebnissen führt – vierzig bis fünfzig Prozent der Absolventen können die gymnasiale Oberstufe besuchen –, ist in ebenso einfache Worte zu fassen: „üben, üben, üben“.

          Klingelt ein Handy, landet es vier Wochen lang im Schulsafe

          Rudolph favorisiert dabei klare Regeln und Rituale; selbstbestimmtem Unterricht steht er skeptisch gegenüber. Aus seiner Sicht müssen zunächst die Grundlagen in den Kernfächern sitzen, wobei die Methodik für ihn unter der simplen Voraussetzung steht: „Lehrer haben nicht endlos Kraft, und die Schüler haben nicht endlos Zeit.“ Gegenwind bekommt er, wie er schildert, von der Berliner Schulinspektion, die sich von den hervorragenden Leistungsdaten der Bergius-Schule nur wenig beeindruckt zeigt. Sie konstatierte im Jahr 2018 „erheblichen Entwicklungsbedarf“ an der Schule und empfahl externes Coaching. Der Unterricht sei zu wenig individualisiert, er sei ausgerichtet auf den Abruf fachlichen Wissens, sozialer Normen und Sekundärtugenden. Das Wort von „Steinzeitpädagogik“ machte die Runde.

          Tatsächlich sind die Methoden, die an der Bergius-Schule angewendet werden, im Detail ungewöhnlich. Auf Pünktlichkeit wird derart großer Wert gelegt („Anwesenheit ist die Grundlage von Bildung“), dass, wer zu spät kommt, automatisch zu Säuberungstätigkeiten herangezogen wird. Klingelt ein Handy im Unterricht, landet es ganze vier Wochen lang im Schulsafe, Arbeitsmaterialien haben auf dem Tisch zu liegen, wenn der Unterricht mit einem „Guten Morgen“ in aufrechter Haltung beginnt. Rudolph nennt sein Schulkonzept „bewusst traditionell“, er kann der preußischen Tradition seines „wilhelminischen Schulpalasts“ viel abgewinnen. Manchen Schulinspektor mag er wohl an eine Kadettenanstalt erinnert haben. An der Bergius-Schule herrscht „Feuerzangenbowle“ statt „Fack ju Göhte“, könnte man zusammenfassen.

          Und Rudolph treibt diesen Eindruck noch auf die Spitze. So schildert er den Besuch eines ehemaligen Schülers, neuerdings Lehramtsanwärter. Dieser erklärt, was ihm als Erstes in den Sinn kam, als er – nach Verlassen der Bergius-Schule – in der gymnasialen Oberstufe feststellen musste, dass permanent Mitschüler zu spät kamen: „Hier wird kein Exempel statuiert? Warum putzt der Junge nicht?“ Das ist schon ein kurioser innerer Monolog für einen jungen Menschen, der sich aufs Abitur vorbereitet.

          Müssen die ans Militär erinnernden Disziplinarmaßnahmen sein?

          Eine andere Anekdote hinterlässt einen bitteren Beigeschmack: Ein ehemaliger Schüler, der sich seine Zukunft durch Schulschwänzerei an einem Gymnasium verbaut hat, wendet sich an Rudolph mit der Bitte um verspätete Wiederaufnahme an seiner alten Schule. Rudolph ist von dem Potential des jungen Mannes überzeugt, will es ihm aber nicht zu leicht machen. Er erklärt ihm, seine Schullaufbahn an der Bergius-Schule fortsetzen zu können – unter der Bedingung, dass er in den nächsten vierzehn Tagen jeden Vormittag von 7.30 Uhr an den Platz vor der Schule säubere. „Natürlich hätte es andere Möglichkeiten gegeben“, schreibt Rudolph, doch er habe seinem Bauchgefühl gehorcht und sich als Hürde für eine „physische Aufgabe“ entschieden. Der Schüler habe dann als Jahrgangsbester abgeschlossen, eine scheinbar eindeutige Erfolgsgeschichte.

          Dennoch bleiben Fragen offen, die sich auch auf andere Disziplinarmaßnahmen an der Schule beziehen: Warum wird regelverletzenden Schülern nicht zumindest der Respekt entgegengebracht, eine Maßnahme für sie auszuwählen, die eine über Sauberkeit hinausreichende positive gesellschaftliche Wirkung entfalten könnte, eine, die vielleicht auch in irgendeinem Bezug zu dem jeweiligen Vergehen oder Versäumnis stünde? Zumal Putzen und Säubern jene Tätigkeiten waren, auf die viele Vorfahren der Bergius-Schüler – siebzig Prozent haben eine Migrationsgeschichte – jahrzehntelang in Deutschland reduziert wurden.

          Es ist Michael Rudolphs glaubhaftes Anliegen, seinen Schülern, unabhängig von ihrer Herkunft, eine berufliche Zukunft zu ermöglichen, und das scheint ihm auch in erstaunlichem Maße zu gelingen. Müssen aber diese harten und ans Militär erinnernden Disziplinarmaßnahmen sein?

          Lesenswert wird das Buch durch die immer wieder aufscheinende intellektuelle Redlichkeit des Autors, der die stärksten Argumente gegen sein strenges Regime selbst ins Spiel bringt. So schildert er den Kampf des eben erwähnten Lehramtsanwärters zwischen Idealismus („funktionierende Schüler“ sind nicht alles) und Realismus (bestimmte Schüler brauchen strenge Rituale und Regeln) sehr ausgewogen und zitiert den Psychologen Ahmad Mansour mit der Rudolph herausfordernden These, Schule solle sich in ihren Methoden maximal von den „Regeln des Patriarchats“ abgrenzen, andernfalls sorge man für dessen Fortbestehen.

          Rudolph sieht jedoch nicht, dass die von ihm favorisierten Werte „Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß“ etwas mit dem Patriarchat zu tun hätten. Diese Interpretation wäre auch tatsächlich verkürzt, doch scheint er selbst zu spüren, dass die Härte, die er vorlebt, in struktureller Ähnlichkeit zu dem steht, was viele problembehaftete Kinder zu Hause erleben. Seine Methode wäre demnach keine Lösung, sondern allenfalls ein pragmatisches Hilfskonstrukt.

          „Schule muss machbar bleiben, sonst scheitern wir“, lautet eine der zentralen Aussagen Michael Rudolphs, wahrscheinlich ist es seine bedenkenswerteste. Die Ganztagsschulpläne der Bildungspolitik sieht er durchaus skeptisch, zudem hat er in der Pandemie teilweise einen übertragungssicheren Distanzunterricht „mit Büchern und Arbeitsblättern“ verwirklicht. Würde es gelingen, Rudolphs Arbeitsökonomie und seine klare Kante mit zeitgemäßeren Disziplinarmaßnahmen in Verbindung zu bringen, könnte das dem deutschen Schulsystem wichtige Impulse liefern.

          Michael Rudolph und Susanne Leinemann: „Wahnsinn Schule“. Was sich dringend ändern muss. Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 256 S., geb., 22,– €.

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