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Buch über „Wahnsinn Schule“ : Feuerzangenbowle statt Fack ju Göhte

Und Rudolph treibt diesen Eindruck noch auf die Spitze. So schildert er den Besuch eines ehemaligen Schülers, neuerdings Lehramtsanwärter. Dieser erklärt, was ihm als Erstes in den Sinn kam, als er – nach Verlassen der Bergius-Schule – in der gymnasialen Oberstufe feststellen musste, dass permanent Mitschüler zu spät kamen: „Hier wird kein Exempel statuiert? Warum putzt der Junge nicht?“ Das ist schon ein kurioser innerer Monolog für einen jungen Menschen, der sich aufs Abitur vorbereitet.

Müssen die ans Militär erinnernden Disziplinarmaßnahmen sein?

Eine andere Anekdote hinterlässt einen bitteren Beigeschmack: Ein ehemaliger Schüler, der sich seine Zukunft durch Schulschwänzerei an einem Gymnasium verbaut hat, wendet sich an Rudolph mit der Bitte um verspätete Wiederaufnahme an seiner alten Schule. Rudolph ist von dem Potential des jungen Mannes überzeugt, will es ihm aber nicht zu leicht machen. Er erklärt ihm, seine Schullaufbahn an der Bergius-Schule fortsetzen zu können – unter der Bedingung, dass er in den nächsten vierzehn Tagen jeden Vormittag von 7.30 Uhr an den Platz vor der Schule säubere. „Natürlich hätte es andere Möglichkeiten gegeben“, schreibt Rudolph, doch er habe seinem Bauchgefühl gehorcht und sich als Hürde für eine „physische Aufgabe“ entschieden. Der Schüler habe dann als Jahrgangsbester abgeschlossen, eine scheinbar eindeutige Erfolgsgeschichte.

Dennoch bleiben Fragen offen, die sich auch auf andere Disziplinarmaßnahmen an der Schule beziehen: Warum wird regelverletzenden Schülern nicht zumindest der Respekt entgegengebracht, eine Maßnahme für sie auszuwählen, die eine über Sauberkeit hinausreichende positive gesellschaftliche Wirkung entfalten könnte, eine, die vielleicht auch in irgendeinem Bezug zu dem jeweiligen Vergehen oder Versäumnis stünde? Zumal Putzen und Säubern jene Tätigkeiten waren, auf die viele Vorfahren der Bergius-Schüler – siebzig Prozent haben eine Migrationsgeschichte – jahrzehntelang in Deutschland reduziert wurden.

Es ist Michael Rudolphs glaubhaftes Anliegen, seinen Schülern, unabhängig von ihrer Herkunft, eine berufliche Zukunft zu ermöglichen, und das scheint ihm auch in erstaunlichem Maße zu gelingen. Müssen aber diese harten und ans Militär erinnernden Disziplinarmaßnahmen sein?

Lesenswert wird das Buch durch die immer wieder aufscheinende intellektuelle Redlichkeit des Autors, der die stärksten Argumente gegen sein strenges Regime selbst ins Spiel bringt. So schildert er den Kampf des eben erwähnten Lehramtsanwärters zwischen Idealismus („funktionierende Schüler“ sind nicht alles) und Realismus (bestimmte Schüler brauchen strenge Rituale und Regeln) sehr ausgewogen und zitiert den Psychologen Ahmad Mansour mit der Rudolph herausfordernden These, Schule solle sich in ihren Methoden maximal von den „Regeln des Patriarchats“ abgrenzen, andernfalls sorge man für dessen Fortbestehen.

Rudolph sieht jedoch nicht, dass die von ihm favorisierten Werte „Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß“ etwas mit dem Patriarchat zu tun hätten. Diese Interpretation wäre auch tatsächlich verkürzt, doch scheint er selbst zu spüren, dass die Härte, die er vorlebt, in struktureller Ähnlichkeit zu dem steht, was viele problembehaftete Kinder zu Hause erleben. Seine Methode wäre demnach keine Lösung, sondern allenfalls ein pragmatisches Hilfskonstrukt.

„Schule muss machbar bleiben, sonst scheitern wir“, lautet eine der zentralen Aussagen Michael Rudolphs, wahrscheinlich ist es seine bedenkenswerteste. Die Ganztagsschulpläne der Bildungspolitik sieht er durchaus skeptisch, zudem hat er in der Pandemie teilweise einen übertragungssicheren Distanzunterricht „mit Büchern und Arbeitsblättern“ verwirklicht. Würde es gelingen, Rudolphs Arbeitsökonomie und seine klare Kante mit zeitgemäßeren Disziplinarmaßnahmen in Verbindung zu bringen, könnte das dem deutschen Schulsystem wichtige Impulse liefern.

Michael Rudolph und Susanne Leinemann: „Wahnsinn Schule“. Was sich dringend ändern muss. Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 256 S., geb., 22,– €.

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