https://www.faz.net/-gqz-a9jwu

Reiseerzählung : Der kalte Weg nach Westen

  • -Aktualisiert am

Eisberg in der grönländischen Disko-Bucht Bild: © Martin Zwick

Die arktische Reiseerzählung der Schriftstellerin und Kritikerin Arezu Weitholz kommt ohne Eisbären und Schiffbruch aus. Sie beeindruckt allein durch ihre meisterliche Lakonie.

          4 Min.

          Arezu Weitholz selbst hat „Beinahe Alaska“ eine Erzählung genannt und es damit gut sein lassen. Ist das geschäftsschädigend? Hoffentlich nicht, es wäre schade ums Buch. Jeder weiß doch, dass alles, was nicht „Roman“ heißt, sich schon schlechter verkauft; also schreibt man es sicherheitshalber drauf. Zum ökonomischen Aspekt kommt die Ambition, die auch Unberufene sagen lässt: „Das kann ich auch“, so dass sich zu den Romanautoren Leute gesellen, Schauspieler oder Journalisten, die zwar auch etwas mit Sprache oder mit dem Schreiben zu tun und meistens auch ein Forum dafür haben, denen dies aber nicht reicht. Dass es wirklich trennscharfe, allgemein anerkannte Kriterien für einen Roman nicht gibt, mag den Glauben zusätzlich befördert haben, auf diesem Gebiet könne man eigentlich machen, was man will, aber nicht notwendig kann. Die bündigste Definition hat vor gut siebzig Jahren Thomas Mann ex negativo geliefert, dem es schien, „als käme auf dem Gebiet des Romans heute nur noch das in Betracht, was kein Roman mehr ist“.

          Edo Reents
          (edo.), Feuilleton

          Wenn Arezu Weitholz’ Erzählung also kein Roman ist, ist sie dann, Thomas Mann folgend, erst recht einer? Man hat jedenfalls schon schlankere in den Fingern gehabt. Es handelt sich, anders als bei Wilhelm Raabes „Stopfkuchen“, um eine See-, aber um keine Mordgeschichte. Das Schiff mit einhundert durchschnittlich sechzigjährigen Passagieren legt von Südgrönland ab und fährt, durch die kanadische Arktis, Richtung Alaska, das, wie das Adverb im Titel schon andeutet, aber nicht erreicht wird. Also eine Polarexpedition, die gar keine ist, wie ein Roman, der keiner ist? Die ohne jeden rhetorischen Aufwand markierte Ironie der Vergeblichkeit gehorcht dem Stilprinzip der Lakonie, die hier in einer Weise praktiziert wird, die man meisterlich nennen darf.

          Arezu Weitholz, die in der Norddeutschen Tiefebene aufwuchs, ist eine erfahrene Journalistin, schrieb originelle Musikkritiken und Reiseberichte, textete für Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, die Toten Hosen und 2raumwohnung und ist viel herumgekommen in der Welt. Ihre Herkunft, in Form einer leicht angerauhten, nicht gerade geschwätzigen Mentalität, und ihre Professionalität haben sie eine gleichsam kondensierte Erzählweise ausbilden lassen. Deswegen hat sie es gar nicht nötig, einen Roman zu schreiben, wenn es auch kürzer geht. Dass es noch kürzer geht, hat vor 25 Jahren David Foster Wallace gezeigt, der gewissermaßen den Prototyp für den zeitgenössischen Schiff- beziehungsweise Kreuzfahrtbericht angefertigt hat; nur dass „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ trotz der gut halben Länge nicht annähernd so pointiert ist wie der hier vorliegende, in seinem gefallsüchtig ausgelebten Mitteilungsdrang streckenweise sogar recht langweilig und insgesamt wohl etwas zu hoch gejubelt wurde von einer Literaturkritik, die seine langen Sätze anbetet.

          Flachländische Spezialitäten

          Arezu Weitholz hat nach ihrem feinfühligen, mit respektvollem Lob bedachten Romandebüt „Wenn die Nacht am stillsten ist“ (2012) mit ihren witzigen, schlackenlosen Fisch-Gedichten (2017) ihre Vielseitigkeit bewiesen und nun vollends zu einer Sicherheit und Souveränität gefunden, für die es in der Gegenwartsliteratur nicht viele Beispiele gibt. Am ehesten lässt sich ihr neues Buch mit späten Kempowski-Romanen wie „Letzte Grüße“ (2003) und, vor allem, „Mark und Bein“ (1992) vergleichen, dieser damals sträflich vernachlässigten Langerzählung über einen Journalisten, der im Auftrag einer Autofirma nach Ostpreußen und damit in die eigene und in die deutsche Vergangenheit fährt. Man kann hierin einen gar nicht mal größeren Bruder von „Beinahe Alaska“ ausmachen. Dass irgendwo „viel Gegend“ sei oder der dringende Rat „Da nicht hingehen“, sind, in solcher Wortstellung, flachländische Spezialitäten, die Kempowski der Gegenwartsromankunst erschlossen hat.

          Eine Fotografin Mitte vierzig, ohne Anhang, wie man so blöd sagt, aber auch ohne Objektiv mit scharfem Blick für Haupt- und Nebensachen ausgestattet, sagt dem Leser als Erstes, was er von der auf Bitte ihrer Verlegerin angetretenen Reise alles nicht erwarten darf – keine Eisbären, keine nicht enden wollende Dunkelheit, kein Mann über Bord und kein Schiffbruch –, und unterläuft, ganz unopportunistisch, auch noch Erwartungen an ein ökologisches Bewusstsein, das an einem Unternehmen wie diesem eigentlich Anstoß nehmen müsste: „Ich hatte mich verabschiedet. Meine Bekannten demonstrierten in Berlin gegen den Klimawandel. Ich würde ein Schiff besteigen, das eine Route fuhr, die überhaupt nur wegen der Erderwärmung langsam schiffbar wurde. Die Nordwestpassage.“

          Spröde – hat die Ich-Erzählerin nur Bekannte, keine Freunde? – geht es los, und so bleibt es auch, durchströmt von einem Fontane’schen Geist, der nicht zu vorschneller Bewunderung neigt und sich immer wieder fragt: Was habe ich hier verloren? Mit zartbitterem, bisweilen beißend-kaustischem Sarkasmus werden Land und Leute seziert: „Ich atmete tief ein. Die Luft roch nach nichts.“ So wird aus allem die Luft herausgelassen, auch aus den redseligen, in Funktionskleidung steckenden Mitreisenden. Nur ein paar ältere, intellektuell satisfaktionsfähige Männer, mit denen sie noch am ehesten ins Gespräch kommt, jedoch, auch dies ein ungewöhnlicher Zug, ohne erotische Hintergedanken, bestehen vor ihrem kritischen, sich selbst immer miteinbeziehenden Blick, der in aphoristischer Kürze Einsichten vermittelt, die ebenso haltbar wie witzig sind: „Wir fuhren der Zeit entgegen. Zu wenig Schlaf machte den Menschen mürbe. Würde es uns glücklich machen, wenn wir jede Nacht eine Stunde geschenkt bekamen? Ich rechnete. Wenn ich mit der MS Svalbard vierundzwanzig Jahre immer nach Westen fuhr, würde ich nur um dreiundzwanzig Jahre altern. Da war Botox billiger.“

          Wenn es richtig ist, was Thomas Mann einmal gesagt hat – „Wir finden in Büchern immer nur uns selbst“ –, dann trifft dies genauso aufs Reisen zu. Die einzelgängerische Erzählerin kommt, in der Betrachtung der hier und da dann doch staunenswerten Natur und in der meistens ernüchternden Begegnung mit anderen Menschen, zu sich selbst. Blitzhaft leuchtet dabei Schicksalhaftes aus dem eigenen Leben auf, Verpasstes, Vertanes, Schiefgegangenes, das in der neuerlichen Bewusstwerdung und angesichts so vieler auf Tuchfühlung gerückter fremder Existenzen ein wenig von seiner Tragik verliert und, in einer am Ende milde gestimmten, auf Versöhnlichkeit jedoch verzichtenden Relativierung, schlicht akzeptabler wird. Mit wenigen Strichen wird ein leidenserfahrener, ungemein urteilsfähiger Mensch hingestellt, der alles mit seinem Skeptizismus überzieht, dessen sich nur mit Verzögerung einstellendes Mitgefühl mit den an Land angetroffenen Inuit dafür aber länger vorhält. Jegliche Idealisierung unterbleibt, Zivilisationskritik und Vorbehalte gegenüber einer der Natur verhafteten Existenz wirken gleichermaßen triftig. Auf berührend spröde Weise macht die Erzählerin mit dem Allgemeinmenschlich-Unzulänglichen ihren Frieden – alles eine Frage der Erkenntnistiefe in diesem, fast hätten wir doch noch gesagt: Roman.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.