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Büchersammler : Hungrig auf neue alte Bücher

Reinhard Wittmanns Ziel ist es, ein Viertel der in der Aufklärungszeit publizierten Romane in seine Sammlung aufzunehmen. Für seine Sammelleidenschaft musste er einst sogar seine Flitterwochen abbrechen.

          Im Keller der Großeltern passierte es. Umgeben vom Muff staubiger Bücher und Folianten, entdeckte der Knabe ein Buch mit dem seltsamen Titel „Predigten zum Gebrauch bei sogenannten Leseleichen“. Da war es um den kleinen Reinhard geschehen. Später kam er nach Vorarlberg in ein Jesuiteninternat namens Stella Matutina, das Thomas Mann im „Zauberberg“ als Vorlage für jenes Institut Morgenstern diente, an dem der Jude Naphta erzogen wurde. Bei den Jesuiten war es für den Zögling Wittmann mit dem Seelenheil nicht so weit her; andererseits, für einen, der den Büchern verfallen war, hätte es schlechtere Orte geben können. So wurde aus dem 1945 in München geborenen Jesuitenschüler ein Büchernarr, der schon im Alter von sechzehn Jahren auf der Auer Dult die Jagd auf alte Bücher aufnahm.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Mit siebzehn hatte Wittmann das Abitur in der Tasche, dem Wehrdienst entkam er. Das Studium der Germanistik füllte ihn nicht aus: „Walter Müller-Seidel, Friedrich Sengle, Hermann Kunisch - ich fand es fürchterlich langweilig“, sagt Wittmann, der später dann doch dem Fach die Treue hielt und einer der anerkanntesten Buchwissenschaftler des Landes wurde. Legendär sein Büro im Bayerischen Rundfunk, wo er viele Jahre lang im Hörfunk die Abteilung Literatur leitete. Das Gemach war dermaßen von Bücherstalagmiten besetzt, dass man als Besucher zwar einen Stuhl angeboten bekam, diesen aber erst freilegen und sich dann vorsichtig einen Sichtschlitz auf den Gastgeber freischieben musste.

          Die Hochzeitsreise fiel einem Buchkauf zum Opfer

          Als Student trieb er sich - typischer Fluchtversuch in die Praxis - in den Münchner Antiquariaten des Universitätsviertels herum, die damals, wir sind in den mittleren sechziger Jahren, eine exzellente Fundgrube für bezahlbare Ausgaben gewesen sein müssen. Bei Kitzinger und Wölfle gab es noch Werke des sechzehnten Jahrhunderts für zwanzig Mark; sogar eine Inkunabel wie „Der Gart der Gesundheit“ von 1485 ergatterte Wittmann für nur zweihundert Mark - damals viel Geld für einen Studenten. So weit ging die Liebe, dass die Hochzeitsreise ein jähes Ende fand, weil der Jungvermählte für einen Fund in einem Florentiner Antiquariat die Reisekasse leerte - und das Paar nach der ersten Nacht den Heimweg antreten musste. Seine Frau trug’s mit Fassung und ist bis heute bei dieser Haltung geblieben.

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          Ein Berufs- und Sammlerleben später sitzt Reinhard Wittmann in seinem alten Bauernhaus im bayerischen Oberland und ist noch immer hungrig auf neue alte Bücher. Seinen Bestand beziffert er auf mindestens vierzigtausend Bände, ganz genau weiß man das ja nie. Der schmale Schnauzbartträger formuliert druckreif und in eleganten Perioden; die gute Stube ist beinahe bücherfrei, was man von Stadel und Dachboden nicht sagen kann. Dort biegen sich die Balken bedrohlich.

          Wittmann wollte nie das Erlesene, die teuren Sammelgebiete. „Ich bin nicht unempfänglich für die ästhetischen Reize, aber letztlich ist das für mich eine kalte Welt.“ Er liebt das Buch als Wissensträger und Gebrauchsobjekt, am besten mit Spuren seiner Nutzer. Ins Schwärmen gerät er, wenn er von fingerfleckigen Anmerkungen und Leserkommentaren erzählt; häufig zu finden in Exemplaren, die in Leihbibliotheken standen - was diesen unter puristischen Erstausgabenjägern den Beinamen „Giftbuden“ eintrug.

          Die „niederen“ Romane sind interessanter

          Die Romane des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts, davon kann Wittmann beredtes Zeugnis ablegen, „sind eine wunderbare Mentalitätsgeschichte Deutschlands“. Während der protestantische Norden den höfisch-heroischen Roman pflegt, kommt im katholischen Süden der Schelmenroman zur Blüte, der nicht von Fürsten oder Prinzen handelt, sondern von Huren, Dieben und Bettlern. Sein Hauptsammelgebiet sind Originalausgaben deutscher Romanliteratur der frühen Neuzeit, vom sechzehnten Jahrhundert bis zum Wiener Kongress. Wittmann, ganz Literaturhistoriker: „Über den größten Teil dieser Zeit galt der Roman als mindere, literarisch nicht stubenreine Gattung, er fand deshalb auch in wissenschaftlichen Büchersammlungen kaum je einen Platz.“ Noch im sich herausbildenden Bürgertum, das sich in der Goethe-Zeit in eine regelrechte „Lesesucht“ hineinsteigerte, unterschied man den „hohen“ und den „niederen“ Roman. Für Wittmann steht fest, „dass Letzterer der interessantere ist“.

          Zu seinen Pretiosen zählt der Sammler Bücher wie den „Theuerdanck“ von 1569, eine frühe Form des europäischen Ritter-Serials, sowie Fischarts „Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung“. Aus der Barockzeit stehen etwa Grimmelshausens „Simplicissimus“ oder Herzog Anton Ulrichs „Octavia“ in Wittmanns Bücherhöhle; das Exemplar von Johann Beers „Kurtzweilige Sommer=Täge“ besaß einst ein bekannter Schriftsteller aus Frankfurt - Clemens Brentano. Weiter geht es mit Johann Gottfried Schnabels „Im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden Cavalier“ (1740) und Johann Karl Wezels „Hermann und Ulrike“ (1780), für Wieland „bester teutscher Roman, der mir jemals vor Augen gekommen“.

          Eine Herzkammer für bayerische Literatur

          Ludwig Tieck, der noch heute vergeblich auf eine verbindliche Ausgabe wartet, ist mit „William Lovell“ vertreten; und aus den Niederungen der Giftbuden winken Schauergemälde wie „Der Giftkocher“ (1798), „Bußtage eines Wüstlings oder Phantasien eines Nervenkranken“ (1806) und „Marzipilla Ripsraps“ (1809). Bücher, die, wie Wittmann mit Stolz sagt, „in keiner öffentlichen Bibliothek vorhanden sind“.

          Dass einer wie er eine ganze Herzkammer für bayerische Literatur reserviert hat, versteht sich. Nicht nur als Kämpfer gegen den Verfall des Dialekts ist er profiliert (F.A.Z. vom 5. September 2012), auch Verlagsgeschichten gehen auf sein Konto („Der Carl Hanser Verlag 1928 bis 2003“). Auch war er Ko-Autor der Untersuchung „Bertelsmann im Dritten Reich“ (2002). Ein Aufklärer, dessen Lieblingsautoren in der Aufklärungszeit schrieben: Dass Johann Pezzl, Peter Phillip Wolf, Joseph Milbiller heute kaum einer mehr kennt, bedauert er, auch, dass die Forschung sie links liegenlasse. Also muss es der Privatsammler retten: „Mein Ehrgeiz geht dahin, rund ein Viertel der Romanproduktion dieser Periode aufspüren und vereinnahmen zu können, bei gut einem Fünftel - etwa fünfhundert Titel - wäre ich schon angelangt.“

          Wenn nicht dem moderaten Budget eines Rentners dauernd steigende Preise zusetzten. Und die schmerzhafte Konkurrenz durch öffentliches Geld großer Bibliotheken, die sich im Zweifelsfall Sponsorengelder besorgen, um rare Stücke erwerben zu können. „Wenn ich 350 Euro biete, zahlen die achthundert, auch zweitausend, das spielt kein Rolle“, seufzt der Sammler und ergänzt: „Wenn man nicht Radiologe, Syndikus oder Fabrikant ist, tut man sich schon recht schwer.“

          Mehr Transparenz im Handel, weniger Platz im Regal

          Und dann sind da die Anfechtungen durch die Spielregeln des Digitalzeitalters. Nicht nur, dass viele Texte im Internet zugänglich sind; durch das Netz sind auch die Preise transparenter geworden - für beide Seiten. Als Sammler älterer Bücher sei es „beinahe unmöglich geworden, bei einem unwissenden Antiquar einen Fund zu machen“, stellt Wittmann fest. Überhaupt habe das Buch an Stellenwert eingebüßt: „Das bildungsbürgerliche Bücherzelebrieren ist aufgrund der Wohnungspreise nicht mehr möglich.“

          Handeln tut Wittmann auch, aber nur ein bisschen. Sein Antiquariat Arcadia sucht man vergeblich mit einem eigenen Auftritt im Internet. Die Telefonnummer muss genügen. Denn eines ist klar: Hier kommt mehr rein als rausgeht. Der Hausherr hat nicht vor, sich von seinen Lieblingen zu trennen. Eine der beiden Töchter ist auserkoren und hat sich auch dazu bereit erklärt, dieses Erbe anzutreten.

          Im Arbeitszimmer, dem Allerheiligsten, reicht der Regalplatz längst nicht aus. Es stapeln sich Büchertürme am Boden, welche die Katzen geschickt zu umkreisen gelernt haben. Auf dem Stapel rechts hinten liegt ein Buch, das irgendwie nicht hierherzupassen scheint. John Updikes Roman „Gegen Ende der Zeit“, erschienen vor fünfzehn Jahren, quasi eine Neuerscheinung. Was man auch daran erkennt, dass das Buch noch eingeschweißt ist. Sammler haben eben ein sehr besonderes Zeitmaß.

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