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Reich-Ranickis Kanon : Wer soll das alles lesen und warum?

  • Aktualisiert am

Nein, das ist nicht möglich. Der potentielle Käufer muß sich schon für den ganzen Karton entscheiden. Wenn Ihnen das mißfällt, dann wenden Sie sich bitte an den Insel-Verlag. Ich bin für das Literarische zuständig und nicht für das Kommerzielle.

Kam es im Vorfeld des Projektes zu Geldgeschenken von kanonwilligen Schriftstellern?
Sie wollen also wissen, ob ich von Autoren oder Verlegern bestochen wurde, damit dieser oder jener Roman (oder eine Erzählung) in meinen Kanon aufgenommen wird. Als mein erstes Buch in der Bundesrepublik erschienen ist ("Deutsche Literatur in Ost und West" im Jahre 1963), wurde es von einem Autor, dessen Roman ich kurz davor scharf abgelehnt habe, total verrissen. Er sagte, aus mir werde nie ein Kritiker werden, ich sei völlig unfähig, literarische Texte auch nur zu lesen, geschweige denn zu beurteilen. Aber in seiner Kritik war auch ein positives Wort über mich, ein einziges. Ich sei, schrieb der böse Mensch, "unbestechlich". Das war ein harter Schlag, denn alle haben es ihm aufs Wort geglaubt. Seitdem habe ich keine Gelegenheit, meine Unbestechlichkeit zu beweisen.

Warum wollten Sie den Menschen sagen, was sie lesen sollen?




Der Kanon ist, ich wiederhole es immer wieder, weder ein Gesetzbuch noch ein Befehl, weder eine Vorschrift noch eine Anordnung oder eine Anweisung. Der Kanon ist lediglich ein Ratschlag, eine Empfehlung, ein Angebot. Mein Kanon ist vor allem für jene bestimmt, die lesen wollen, aber nicht sicher sind, was besonders schön und wichtig ist. Er will Menschen helfen, er will ihnen zeigen, daß die Lektüre von Romanen oder Erzählungen Spaß macht, daß sie ein großes Vergnügen sein kann.

Welche Erzählung des Kanons schätzen Sie am meisten?

Da kann ich nicht eine Erzählung nennen, vielmehr möchte ich mich gleich zu drei Erzählungen bekennen, und zwar: Kleists "Michael Kohlhaas", Thomas Manns "Tristan" und Kafkas "Hungerkünstler". Das ist der Stand von heute. Aber morgen würde ich vielleicht drei andere Erzählungen nennen: Büchners "Lenz", Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und Schnitzlers "Leutnant Gustl". - Und vielleicht wollen Sie wissen, welche Erzählungen aus der Zeit nach 1945 von mir besonders geschätzt werden? Hier sind sie: Koeppens "Jugend", Frischs "Der andorranische Jude" und Bölls "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen".

Was zeichnet die aufgenommenen Erzählungen aus?

Daß sie mir gefallen, daß sie mich beeindrucken, daß sie mich entzücken.

Wenn Sie einen Kanon der letzten zehn Jahre zusammenstellen müßten: welche Bücher gehörten unbedingt dazu?

Ein Kanon für zehn Jahre? Nein, das wäre ein Mißverständnis. Aber auch für eine gewöhnliche Empfehlungsliste ist es viel zu früh.

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