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Reich-Ranickis Kanon : Wer soll das alles lesen und warum?

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Die Frage suggeriert, daß literarische Werke, die keine justitiablen Stellen enthalten, "lebensfern" seien. Justitiabel hat rein gar nichts mit literarischer Qualität oder Miserabilität zu tun. Es handelt sich also um ein Kriterium, das sich zur Beurteilung von Literatur nicht eignet.

Woher kommt dieses plötzliche Kanon-Bedürfnis der Menschen? Und was unterscheidet Ihre Zusammenstellung von anderen Unternehmungen dieser Art?

Das Kanon-Bedürfnis hat bestimmt mehrere, sehr unterschiedliche Ursachen. Unsere Buchproduktion ist gigantisch und verwirrt viele Leser. Diejenigen, die Hilfe auf den Literaturseiten unserer Zeitungen suchen, sind oft enttäuscht und verärgert, weil in manchen Blättern jedes Buch gelobt wird. Und: Je schlechter das Fernsehprogramm, desto mehr Zeit haben viele Menschen für das Lesen. Ein Vergleich meines Kanons mit ähnlichen Unternehmungen ist nicht möglich, weil es diese Unternehmungen nicht gibt. Man kann eventuell meinen Kanon mit den in manchen Blättern gedruckten Empfehlungslisten vergleichen. Aber das sollten andere tun, nicht ich selber.

Wie viele der 180 Kanon-Erzählungen sollte der gebildete Leser kennen?

Am schönsten wäre es doch wohl, wenn der Leser Lust hätte, mit der Zeit alle in diesem Kanon versammelten Erzählungen zur Kenntnis zu nehmen.

Wie viele Leser werden sich den Kanon aus bloßer Bildungsprahlsucht ungelesen ins Bücherregal stellen? Und was halten Sie von diesen?

Natürlich kommt es vor, daß jemand einen Kanon-Karton oder vielleicht beide bisher erschienenen Kartons kauft und im Regal ruhen läßt. Na und? Zunächst: Es ist ja der Kanon ein wirklich schönes Dekorationsobjekt. Ferner: Es ist mir schon lieber, jemand kauft den Kanon und liest die einzelnen Bücher nicht, als daß er ihn überhaupt nicht erwirbt. Der ungelesene Kanon wird eines Tages doch seinen Leser finden: einen Gast oder einen Nachbarn oder den Sohn der Putzfrau, der auf die Mutter noch etwas warten muß und inzwischen im Bücherschrank stöbert, oder vielleicht die Tochter des Eigentümers, in deren Schule gerade die "Buddenbrooks" gelesen werden oder eine Erzählung von Joseph Roth.

Ist es nicht entmutigend, so ein schwerer Bücherberg im Karton, der zu sagen scheint: Du mußt mich lesen! Und einen schon beim Einkauf schier erdrückt?

Nur ein Teil des Kanons, der Romanteil, ist so groß geraten, also 20 Bände. Dennoch klagen viele - in der Öffentlichkeit ebenso wie privat -, daß dieser oder jener Roman im Kanon fehle. Recht haben sie, und ich bedaure es ebenfalls. Nur würde der Kanon dann 30 oder mindestens 25 Bände umfassen. Wollte ich wenigstens einen Teil der vielen Wünsche berücksichtigen, dann müßte der Leser in die Buchhandlung mit einem Gepäckträger gehen. Letztlich war es richtig, den Romankanon auf 20 Bände zu beschränken. Der Erzählungskanon ist handlicher, die anderen drei Teile werden noch kleiner sein. Im übrigen glaube ich, daß es diese Angst vor dem "Bücherberg" überhaupt nicht gibt. Ich will mich hier nicht auf die riesigen Ausgaben von Goethe, Schiller oder Lessing berufen. Ich will als Beispiele Autoren anführen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt und geschrieben haben. Erich Kästners Werke gibt es in neun Bänden, die Werke von Adorno in 22 Bänden und Brechts Werke tatsächlich in 31 (einunddreißig) Bänden. Warum also sollte man einen Erzählungskanon mit 180 herrlichen deutschen Novellen, Kurzgeschichten, Legenden, Märchen und Anekdoten gleich als abschreckenden Bücherberg denunzieren?

Kann man auch ein einzelnes Kanon-Büchlein kaufen? Für Anfänger?

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