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Reich-Ranickis Kanon : Wer soll das alles lesen und warum?

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In der Tat halte ich Jakob und Wilhelm Grimm für hervorragende Märchenerzähler, die nicht zufällig höchst erfolgreich waren und sind. Und ich meine tatsächlich, daß Johann Peter Hebel zu den bedeutendsten deutschen Erzählern gehört. Aber Sie dürfen nicht von der Zahl der von mir aufgenommenen Erzählungen quasi automatisch auf meine Wertschätzung der einzelnen Autoren schließen. Ich mußte auch den Umfang berücksichtigen. Also: Von Hebel konnte ich neun Geschichten aufnehmen, weil sie alle sehr kurz sind (zusammen 16 Seiten!). Andererseits habe ich von Fontane, der keine kurzen Geschichten geschrieben hat, nur zwei Erzählungen aufgenommen, aber es sind große epische Arbeiten: "Stine" (92 Seiten) und "Schach von Wuthenow" (134 Seiten).

Wieso fehlt Ingo Schulze?

Ich schätze die humoristischen Geschichten von Ingo Schulze, aber ich glaube, daß es verfrüht wäre, diesen Autor in den Kanon aufzunehmen. Ganz grundsätzlich: Nicht alles, was gut ist, gehört in den Kanon, aber alles, was im Kanon ist, muß gut sein.

Was sind die Qualitäten von Gustav Sack und Ferdinand von der Saar?



Gustav Sack, der 1885 geboren wurde, gehört zu den vielen expressionistischen Dichtern, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind (1916 in Rumänien). Bisweilen findet sich ein Gedicht von ihm in einer Anthologie, aber alles in allem ist er längst vergessen - zu Unrecht, wie jene seiner Arbeiten erkennen lassen, in denen er die Triebhaftigkeit des Menschen behandelt. "Im Heu" ist, glaube ich, eine der schönsten Inzestgeschichten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Kanon hat unter anderen auch die Aufgabe, an vergessene oder zumindest vernachlässigte Autoren zu erinnern. Zugleich soll unser Kanon auch an die These erinnern: Deutsche Literatur ist Literatur in deutscher Sprache. So ist es selbstverständlich, daß die Autoren Österreichs und der Schweiz auf angemessene Weise repräsentiert sind. Ferdinand von der Saar, der von 1833 bis 1906 lebte, kennt man in Deutschland kaum - leider. In seinen elegischen Novellen, die voll Mitleid und Kritizismus sind, hat er alle gesellschaftlichen Schichten der habsburgischen Monarchie anschaulich und liebevoll dargestellt. Er war eine Übergangsfigur zwischen der Klassik und der Moderne - also etwa zwischen Grillparzer und Schnitzler, zwischen Stifter und Hofmannsthal.

Wie lange haben Sie an der Auswahl von 180 Erzählungen gesessen?

Dieser Kanon ist das Ergebnis meiner lebenslänglichen Beschäftigung mit der deutschen Literatur. So habe ich an der Auswahl der in den Kanon aufgenommenen Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichte und Essays (das nämlich ist der Inhalt der fünf Teile, von denen bisher zwei erschienen sind) rund 70 Jahre gearbeitet.

Wer soll diese Tausende Seiten lesen?

Wer sie lesen will. In einem freien Land kann man Menschen nicht zwingen, ins Theater oder ins Konzert, zu einem Fußballspiel oder in ein Schwimmbad zu gehen. Und niemand sollte man zwingen, Bücher zu lesen - die Schule und die Universität mögen da als Ausnahme gelten.

Ist denn wenigstens eine kleine justitiable Stelle drin versteckt in einer der Geschichten? Oder alles lebensfern?

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