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Reich-Ranickis Kanon : Wer soll das alles lesen und warum?

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Was Sie in dieser Frage behaupten, trifft nicht zu. Keineswegs haben Franzosen oder Angelsachsen bedeutendere Erzählungen geschrieben als die Deutschen, die Österreicher und die Schweizer. Ich kenne keinen Schriftsteller, der die Geschichten von Thomas Mann und Franz Kafka übertroffen hätte. Im 19. Jahrhundert hatten wir so herrliche Erzähler wie Johann Peter Hebel, E.T.A. Hoffmann, Kleist, Keller und Storm. Daß manche (wie Keller und Storm) im Ausland nur ein schwaches Echo hatten, steht auf einem anderen Blatt und mindert nicht ihren Rang.

Wieso ist keiner der Autoren unter 50? Ich dachte, es soll sich um einen Kanon für jüngere Leser handeln?

Keineswegs ist mein Kanon für "jüngere Leser" bestimmt. Unser Slogan, der übrigens inzwischen schon geklaut wurde, lautet: "Dies ist ein Kanon für Leser." Gemeint sind also Leser im Alter von 10 bis 100 Jahren. - Und was die Schriftsteller unter 50 betrifft, so muß man ihnen noch etwas Zeit lassen, damit sie sich weiterentwickeln. Vorerst wäre es verfrüht, sie in den Kanon aufzunehmen.

Und als jüngster der mystische Weltentrückungsdichter Ransmayr? Was zeichnet diesen Autor aus?

Ransmayr ist keineswegs ein "mystischer Weltentrückungsdichter", vielmehr ein außerordentlich intelligenter und phantasievoller Erzähler, dessen Ovid-Roman "Die letzte Welt", erschienen 1988, mich sehr beeindruckt hat. Hätte ich den Romanteil unseres Kanons in 30 Bänden machen können (statt nur in 20), Ransmayrs Ovid-Roman wäre gewiß dabei.

Und wieso fehlt Judith Hermann, von deren Geschichten Sie sonst so schwärmen?

Ich habe nie von Judith Hermann geschwärmt, sondern ihre Erzählungen gelobt und ihr als Schriftstellerin eine schöne Zukunft vorausgesagt. Die Zeit wird kommen, da Judith Hermann Erzählungen oder Romane schreiben wird, die sich für einen Kanon eignen.

Alle aktuelleren Geschichten scheinen eher von weltabgewandten Mystikern wie Handke, Ransmayr zu stammen. Täuscht der Eindruck?

Ich bin weder ein Bewunderer noch ein Anhänger von Peter Handke, ja, ich halte ihn für einen überschätzten Autor. Aber ich zweifle nicht, daß er zur österreichischen, also zur deutschen Literatur der Epoche nach 1945 gehört, und es wäre falsch und ungerecht, ihn im Kanon zu übergehen. Und daß ein Schriftsteller, der sich (keineswegs ohne Erfolg) bemüht hat, den Zusammenhang von Gesellschaft und Sprache aufzudecken (zumal in Theaterstücken), und der bei verschiedenen Gelegenheiten sein beachtliches Gespür für charakteristische Zeitstimmungen bewiesen hat, als "weltabgewandter Mystiker" abgestempelt wird, will mir nicht einleuchten. Wie gesagt: Das ist nicht mein Dichter, aber er gehört in den Kanon.

Johann Peter Hebel ist zusammen mit den Gebrüdern Grimm am stärksten vertreten. Ist das der beste deutsche Erzähler der Geschichte?

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