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Reich-Ranickis Ehrendoktor : Es schließt sich ein Kreis

  • -Aktualisiert am

Späte Rückkehr: Reich-Ranicki vor der Humboldt-Universität Bild: Wolfgang Eilmes

Seine Rückkehr an die Stätte eines Unrechts: Marcel Reich-Ranicki ist Ehrendoktor der Humboldt-Universität. Doch indem sich Reich-Ranicki ehren lässt, ehrt er in Wahrheit uns. Von Frank Schirrmacher.

          4 Min.

          Vor ein paar Jahren fuhren wir im Auto durch Berlin. Marcel Reich-Ranickis Autobiographie war soeben erschienen, und wir besuchten die Stätten einer „Kindheit in Berlin“, seine alten Schulen, die Wohnung in der Güntzelstraße. „Schauen Sie mal im Sicherungskasten nach“, sagte er, weil irgendeine Erinnerung ihn streifte. Im Sicherungskasten waren sehr schwach noch die Namen der ehemaligen Bewohner zu entziffern, jedenfalls der Buchstabe „M.“, wie Marcel, für das winzige Kinderzimmer. Er zeigte uns den Balkon, der in seiner Autobiographie vorkommt, weil er hier seinen ersten Kuss empfing.

          „Das war gar nicht so schlecht, mein Lieber“, sagte er, als müsse auch dieser Kuss aus der Vergangenheit noch rezensiert werden. Wir besuchten den Gendarmenmarkt, fuhren am Zeughaus vorbei und waren damit schon in der Nähe der alten Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Universität. Die wollte er nicht betreten. Er wollte sie nicht betreten und war, füge ich hinzu, auch nicht eingeladen.

          Ganz unerwartete Antwort

          Als ein paar Monate später, im September 1999, seine Bewerbung um einen Studienplatz auftauchte, die abgelehnt wurde, weil er Jude war, schrieb die F.A.Z. in der Hoffnung, vielleicht verstünde die Universität dies als Aufforderung dazu, ihn zu ehren: „Marcel Reich-Ranicki fragt sich, was die Berliner Universität sagen wird, wenn sie das Schriftstück sieht. Ob sie vielleicht doch noch antworten wird.“ Die Antwort kam, aber ganz unerwartet.

          Applaus von Frank Schirrmacher, Richard von Weizsäcker, Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Uni-Präsident Markschies (v.l.)

          Ein damaliger Repräsentant der Humboldt-Universität rief an und verbat sich jede Einmischung. Vor allem aber verlangte er eine Richtigstellung: Es stimme nicht, dass Marcel Reich-Ranicki damals keine Antwort erhalten habe, er habe sie bekommen, wenn auch nicht die erwünschte. Das alles sei vielleicht nicht schön, aber was wahr ist, solle doch wahr bleiben: Die Universität habe reagiert. Das ist zum Glück vorbei. Es ist dem heutigen Präsidenten Christoph Markschies und seinen Kollegen zu verdanken, dass Reich-Ranicki heute geehrt wurde.

          Eine ungeheure Zeitspanne

          Es schließt sich ein Kreis. Marcel Reich-Ranicki ist Ehrendoktor der Humboldt-Universität. Er hat die Universität zum ersten Mal seit 1938 betreten. Er hat sich in jenem Zimmer des Rektors, wo ihm einst die Ablehnung mitgeteilt wurde, ins Goldene Buch der Universität eingetragen. Was diese fast siebzig Jahre sind, macht man sich klar, wenn man sie auf runde Zahlen projiziert. Es ist der Zeitraum von 1900 bis 1969, oder wenn heute einem jungen Reich-Ranicki dasselbe widerführe, eine Ablehnung der Immatrikulation: er müsste bis 2076 warten, ehe er Genugtuung erführe. Das ist eine ungeheure Zeitspanne, und es erklärt, warum der Ehrendoktor Marcel Reich-Ranicki heute nicht gerade überschwengliche, aber doch milde Genugtuung äußert.

          Dieser Tag heute, das sei gesagt, ist wichtiger für uns als für ihn. Wir können unseren Kindern davon erzählen oder den Enkeln. Hier wird nicht nur der Mann geehrt, der von der Friedrich-Wilhelms-Universität vom Studium abgehalten wurde, weil er Jude ist, hier wird nicht nur der Mann geehrt, der aus dieser Stadt, aus dem Herzen Berlins, deportiert wurde, der Mann, selbst da noch leidenschaftlicher Liebhaber der deutschen Literatur, als er im Warschauer Getto die Befehle der SS ins Polnische übersetzen musste, der Mann, der den „Pianisten“ kannte, den wir im Film sahen, und der Mann, der inmitten der Unmenschlichkeit des Gettos Konzertkritiken schrieb, der Mann, der das Todesurteil für sich und seine Frau und die Bewohner des Gettos niederschreiben musste, während draußen der Wiener Walzer spielte.

          Unendlicher Witz und Humor

          Geehrt wurde der Mann, der das alles durchlitt und die tiefste Kränkung empfand und doch, Jahrzehnte später, mit unendlichem Witz und Humor, mit Scharfsinn und Temperament, die deutsche Literatur belebte und befeuerte, „drüben und hüben“, wie eine seiner ersten Kolumnen hieß.

          Wir können unseren Kindern davon erzählen, weil, das ist keine Übertreibung, einer wie er nicht mehr ist und nicht mehr kommt. Marcel Reich-Ranicki ist die letzte Erscheinungsform jener literarisch-kosmopolitischen Intelligenz, die die Weimarer Republik prägte. Er lässt uns ahnen, was hätte sein können, wenn sie geblieben wären und nicht ermordet oder in Tod und Exil getrieben worden wären: Menschen wie Walter Benjamin und Joseph Roth, Schönberg und Einstein, Wassermann und Kerr.

          Ein sehr portabler Repräsentant

          Aber er ist kein Repräsentant der Vergangenheit, auch das hat die Universität klargestellt. Jede Woche kommt er ins Büro, ein Büro, an dem sich seit den siebziger Jahren nichts geändert hat, außer dass ein nie benutzter Liegesessel dazugekommen ist. Er schreibt und redigiert wöchentlich zwei Kolumnen. In wenigen Wochen wird in Tel Aviv ein Lehrstuhl zu seinen Ehren eingerichtet. Hier steht der frischgebackene Ehrendoktor, fast siebenundachtzigjährig, und ehrt uns, indem er sich ehren lässt. Immer wieder hat er von seinem portablen Vaterland, der deutschen Literatur, gesprochen. Unterdessen ist er selbst, wie er hier geht und steht, zu unserem sehr portablen Repräsentanten geworden, einem sehr unsentimentalen übrigens.

          „Was meinen Sie“, fragte er mich, nachdem das Verfahren in Gang gesetzt wurde, „soll ich mir auch den Bibliotheksausweis ausstellen lassen und mich in die Bibliothek setzen?“ Das wird er wahrscheinlich nicht tun. Aber die Vorstellung, dass der Sechsundachtzigjährige dort sitzt und liest, wo der Achtzehnjährige nicht erwünscht war, ist anrührend. Man kann verlorenes und geraubtes Leben nicht zurückgeben. Umso dankbarer sind wir für das Leben, das Marcel Reich-Ranicki unserer Kultur, unserer Literatur nicht etwa nur eingehaucht, sondern eingehämmert hat.

          Es geht nicht anders, wir müssen mit Kleists Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg enden, wo sonst passt sie besser als hier in Berlin, hier in unmittelbarer Nähe zum innersten Innern des alten Preußen. Kleists Anekdote zeigt ein Mannsbild wie eine Urgewalt, einen, der antreibt, nicht nachlässt, keine Angst hat und alle zum ehrfurchtsvollen Verstummen bringt, außer einem. Und dieser eine sagt den Satz, der hierhergehört: So einen Kerl, sprach der Wirt, habe ich zeit meines Lebens nicht gesehen. So einen Kerl wie Sie, lieber Marcel Reich-Ranicki, haben wir zeit unseres Lebens nicht gesehen und werden wir nie wieder sehen.

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