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Reich-Ranickis Ehrendoktor : Es schließt sich ein Kreis

  • -Aktualisiert am

Späte Rückkehr: Reich-Ranicki vor der Humboldt-Universität Bild: Wolfgang Eilmes

Seine Rückkehr an die Stätte eines Unrechts: Marcel Reich-Ranicki ist Ehrendoktor der Humboldt-Universität. Doch indem sich Reich-Ranicki ehren lässt, ehrt er in Wahrheit uns. Von Frank Schirrmacher.

          Vor ein paar Jahren fuhren wir im Auto durch Berlin. Marcel Reich-Ranickis Autobiographie war soeben erschienen, und wir besuchten die Stätten einer „Kindheit in Berlin“, seine alten Schulen, die Wohnung in der Güntzelstraße. „Schauen Sie mal im Sicherungskasten nach“, sagte er, weil irgendeine Erinnerung ihn streifte. Im Sicherungskasten waren sehr schwach noch die Namen der ehemaligen Bewohner zu entziffern, jedenfalls der Buchstabe „M.“, wie Marcel, für das winzige Kinderzimmer. Er zeigte uns den Balkon, der in seiner Autobiographie vorkommt, weil er hier seinen ersten Kuss empfing.

          „Das war gar nicht so schlecht, mein Lieber“, sagte er, als müsse auch dieser Kuss aus der Vergangenheit noch rezensiert werden. Wir besuchten den Gendarmenmarkt, fuhren am Zeughaus vorbei und waren damit schon in der Nähe der alten Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Universität. Die wollte er nicht betreten. Er wollte sie nicht betreten und war, füge ich hinzu, auch nicht eingeladen.

          Ganz unerwartete Antwort

          Als ein paar Monate später, im September 1999, seine Bewerbung um einen Studienplatz auftauchte, die abgelehnt wurde, weil er Jude war, schrieb die F.A.Z. in der Hoffnung, vielleicht verstünde die Universität dies als Aufforderung dazu, ihn zu ehren: „Marcel Reich-Ranicki fragt sich, was die Berliner Universität sagen wird, wenn sie das Schriftstück sieht. Ob sie vielleicht doch noch antworten wird.“ Die Antwort kam, aber ganz unerwartet.

          Applaus von Frank Schirrmacher, Richard von Weizsäcker, Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Uni-Präsident Markschies (v.l.)

          Ein damaliger Repräsentant der Humboldt-Universität rief an und verbat sich jede Einmischung. Vor allem aber verlangte er eine Richtigstellung: Es stimme nicht, dass Marcel Reich-Ranicki damals keine Antwort erhalten habe, er habe sie bekommen, wenn auch nicht die erwünschte. Das alles sei vielleicht nicht schön, aber was wahr ist, solle doch wahr bleiben: Die Universität habe reagiert. Das ist zum Glück vorbei. Es ist dem heutigen Präsidenten Christoph Markschies und seinen Kollegen zu verdanken, dass Reich-Ranicki heute geehrt wurde.

          Eine ungeheure Zeitspanne

          Es schließt sich ein Kreis. Marcel Reich-Ranicki ist Ehrendoktor der Humboldt-Universität. Er hat die Universität zum ersten Mal seit 1938 betreten. Er hat sich in jenem Zimmer des Rektors, wo ihm einst die Ablehnung mitgeteilt wurde, ins Goldene Buch der Universität eingetragen. Was diese fast siebzig Jahre sind, macht man sich klar, wenn man sie auf runde Zahlen projiziert. Es ist der Zeitraum von 1900 bis 1969, oder wenn heute einem jungen Reich-Ranicki dasselbe widerführe, eine Ablehnung der Immatrikulation: er müsste bis 2076 warten, ehe er Genugtuung erführe. Das ist eine ungeheure Zeitspanne, und es erklärt, warum der Ehrendoktor Marcel Reich-Ranicki heute nicht gerade überschwengliche, aber doch milde Genugtuung äußert.

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