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Reich-Ranickis Ehrendoktor : Es schließt sich ein Kreis

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Dieser Tag heute, das sei gesagt, ist wichtiger für uns als für ihn. Wir können unseren Kindern davon erzählen oder den Enkeln. Hier wird nicht nur der Mann geehrt, der von der Friedrich-Wilhelms-Universität vom Studium abgehalten wurde, weil er Jude ist, hier wird nicht nur der Mann geehrt, der aus dieser Stadt, aus dem Herzen Berlins, deportiert wurde, der Mann, selbst da noch leidenschaftlicher Liebhaber der deutschen Literatur, als er im Warschauer Getto die Befehle der SS ins Polnische übersetzen musste, der Mann, der den „Pianisten“ kannte, den wir im Film sahen, und der Mann, der inmitten der Unmenschlichkeit des Gettos Konzertkritiken schrieb, der Mann, der das Todesurteil für sich und seine Frau und die Bewohner des Gettos niederschreiben musste, während draußen der Wiener Walzer spielte.

Unendlicher Witz und Humor

Geehrt wurde der Mann, der das alles durchlitt und die tiefste Kränkung empfand und doch, Jahrzehnte später, mit unendlichem Witz und Humor, mit Scharfsinn und Temperament, die deutsche Literatur belebte und befeuerte, „drüben und hüben“, wie eine seiner ersten Kolumnen hieß.

Wir können unseren Kindern davon erzählen, weil, das ist keine Übertreibung, einer wie er nicht mehr ist und nicht mehr kommt. Marcel Reich-Ranicki ist die letzte Erscheinungsform jener literarisch-kosmopolitischen Intelligenz, die die Weimarer Republik prägte. Er lässt uns ahnen, was hätte sein können, wenn sie geblieben wären und nicht ermordet oder in Tod und Exil getrieben worden wären: Menschen wie Walter Benjamin und Joseph Roth, Schönberg und Einstein, Wassermann und Kerr.

Ein sehr portabler Repräsentant

Aber er ist kein Repräsentant der Vergangenheit, auch das hat die Universität klargestellt. Jede Woche kommt er ins Büro, ein Büro, an dem sich seit den siebziger Jahren nichts geändert hat, außer dass ein nie benutzter Liegesessel dazugekommen ist. Er schreibt und redigiert wöchentlich zwei Kolumnen. In wenigen Wochen wird in Tel Aviv ein Lehrstuhl zu seinen Ehren eingerichtet. Hier steht der frischgebackene Ehrendoktor, fast siebenundachtzigjährig, und ehrt uns, indem er sich ehren lässt. Immer wieder hat er von seinem portablen Vaterland, der deutschen Literatur, gesprochen. Unterdessen ist er selbst, wie er hier geht und steht, zu unserem sehr portablen Repräsentanten geworden, einem sehr unsentimentalen übrigens.

„Was meinen Sie“, fragte er mich, nachdem das Verfahren in Gang gesetzt wurde, „soll ich mir auch den Bibliotheksausweis ausstellen lassen und mich in die Bibliothek setzen?“ Das wird er wahrscheinlich nicht tun. Aber die Vorstellung, dass der Sechsundachtzigjährige dort sitzt und liest, wo der Achtzehnjährige nicht erwünscht war, ist anrührend. Man kann verlorenes und geraubtes Leben nicht zurückgeben. Umso dankbarer sind wir für das Leben, das Marcel Reich-Ranicki unserer Kultur, unserer Literatur nicht etwa nur eingehaucht, sondern eingehämmert hat.

Es geht nicht anders, wir müssen mit Kleists Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg enden, wo sonst passt sie besser als hier in Berlin, hier in unmittelbarer Nähe zum innersten Innern des alten Preußen. Kleists Anekdote zeigt ein Mannsbild wie eine Urgewalt, einen, der antreibt, nicht nachlässt, keine Angst hat und alle zum ehrfurchtsvollen Verstummen bringt, außer einem. Und dieser eine sagt den Satz, der hierhergehört: So einen Kerl, sprach der Wirt, habe ich zeit meines Lebens nicht gesehen. So einen Kerl wie Sie, lieber Marcel Reich-Ranicki, haben wir zeit unseres Lebens nicht gesehen und werden wir nie wieder sehen.

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