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Reich-Ranicki zum Neunzigsten : Er ist der Streit

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Herzliche Umarmung an Goethes Geburtstag: 1999 hatte Siegfried Lenz (links) am 28. August den Frankfurter Goethepreis erhalten, Reich-Ranicki die Laudatio gehalten Bild: picture-alliance / dpa

Befreundet mit ihm bin ich seit fünfzig Jahren. Erlebt habe ich ihn als Arbeiter im Weinberg der Literatur. Seine Autobiographie habe ich mit Ergriffenheit gelesen. Unterwegs war und ist er stets im Dienst der Aufklärung: Ein Glückwunsch für meinen Freund Marcel.

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          Mag jeder seine Schlüsse daraus ziehen: Es muss gesagt werden, wir sind Freunde seit mehr als fünfzig Jahren, der große Kritiker und ich. Damals, als er aus Warschau kam, mit seinem schwerwiegenden Erinnerungsgepäck, heimgesucht von der Geschichte, entschlossen zu neuer Lebensgründung, lebten wir in kurzweiliger Nachbarschaft. Wir besuchten uns oft, trafen uns im Theater, an gesellschaftlichen Abenden, fuhren regelmäßig ins städtische Hamburger Schwimmbad - er immer in Begleitung seiner Geliebten, der Literatur.

          Wie viel sie ihm bedeutet, wurde bei allen Gelegenheiten erkennbar. Literatur wurde zitiert und zu Rate gezogen, sie diente zur Bebilderung und Rechtfertigung, bei einem exotischen Essen ebenso wie bei einem Streitgespräch, und selbst beim Wassertreten im Schwimmbad wurde Literatur angerufen. Als bei einer ausgedehnten Abendmahlzeit das Lob für die Hausfrau allzu verschwenderisch geriet, glaubte er bekennen zu müssen, dass er sich langweile, und bat um Verständnis für seinen verfrühten Aufbruch.

          Literatur inspirierte, sie mobilisierte und beherrschte ihn schon immer, er wurde ihr Richter und ihr Anwalt. Sein Urteil ließ aufhorchen. Die Hörer mehrerer Rundfunksender wollten sich mit ihm abstimmen, die Leser der „Zeit“ ebenso wie die der „Welt“ und schließlich über Jahrzehnte die Leser dieser, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aber auch viele Fernsehzuschauer wollten sich seine Literaturgespräche mit Hellmuth Karasek nicht entgehen lassen, die, zur Freude vieler, neben verlässlichen Informationen erheblichen Unterhaltungswert boten. Mehr als dies aber nahm man teil an der Entstehung und Begründung eines literarischen Urteils, und das ist ja für einen Kritiker von entscheidender Bedeutung.

          Vom Gebrauch stilvoller Übetreibungen

          Da wir in unseren Tätigkeiten nicht selten auf anderen Schultern stehen und das auch bei richterlicher Messkunst, zögert der Kritiker Marcel Reich-Ranicki nicht, seine Lehrer, seine Vorbilder zu nennen. Zwar mag er nicht ausschließen, dass eine Voraussetzung der Kritik in der Lese- und Welterfahrung des Kritikers selbst liegt, aber immer wieder bekennt er, dass es Maßstäbe, Kriterien und Regeln gibt, die übernehmbar sind, ja übernommen werden müssen.

          In unseren Gesprächen verwies er oft auf Börne, auf die Schlegels und auf den großen Lessing, und besonders von ihm fühlte er sich beeinflusst und bestätigt, nicht zuletzt im Hinblick auf den Gebrauch von stilvoller Übertreibung und effektvoller Sentenz und auch auf die Mahnung, den Adressaten der Kritik nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade daraus entstand die Forderung zu unbedingter Eindeutigkeit des Urteils. Wie es Lessing um den „Sauerteig der Erkenntnis“ ging, so will er nichts anderes, als es seinem Vorbild gleichtun.

          Mit erstaunter Zustimmung nimmt man wahr, dass sich der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, von dem so mancher denkwürdige Verriss stammt, bei seiner Arbeit von einer pädagogischen Energie leiten lässt. Gerade so, als litte er unter missglückter Literatur, vergisst er nicht zu erwähnen, was dem Autor einst gelungen war und zu welchen Hoffnungen und Erwartungen er immer noch Anlass gibt. Das hört sich vielleicht nach Rabatt an, entspricht in seinem Fall aber der Überzeugung, keinen vorschnell verloren zu geben. Da er meine Versuche nicht übersehen wollte, fand er zu einem Vergleich aus der Sportwelt: geeignet für die kurze Strecke, welche Resultate auf der langen Strecke erzielt werden, bleibt noch abzuwarten. Die Vorstellung, dass er recht haben könnte, beunruhigte mich nur vorübergehend.

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