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Reich-Ranicki über Rühmkorf : Nie seriös, immer ernst

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Er war ein feinsinniger Ästhet, ein raffinierter Schöngeist, ein exquisiter Ironiker. Nur war er zugleich ein plebejischer Poet, ein handfester Spaßmacher, ein Verwalter des literarischen Untergrunds, ein Dichter der Gasse und der Masse. Marcel Reich-Ranicki über Peter Rühmkorf.

          Gegen Ende seines autobiographischen Buches „Die Jahre, die ihr kennt“ sprach der Dichter Peter Rühmkorf ein großes Wort gelassen aus: „Hab viele Schlachten, aber nie meine Identität verloren.“ Aber der Frage nach der ihm nie abhanden gekommenen Identität entzog sich Rühmkorf stets mit einer flinken Volte. Offenbar wollte er sich nicht festlegen lassen.

          So hatte man immer Kummer mit ihm. Denn er fiel aus dem Rahmen. Auf den vorhandenen Sockeln ließ sich der Ungebärdige nicht unterbringen. Die meisten Vergleiche hinkten, in keines der literarhistorischen Schubfächer wollte er hineinpassen. Natürlich ließ sich über ihn, über seine Lyrik und Prosa viel sagen. Doch bald stellte sich heraus, dass oft das Gegenteil von dem, was man in Sachen Rühmkorf für richtig hielt, ebenfalls nicht falsch schien.

          Ästhet, Schöngeist, Ironiker

          Er war ein feinsinniger Ästhet, ein raffinierter Schöngeist, ein exquisiter Ironiker. Nur war er zugleich ein plebejischer Poet, ein handfester Spaßmacher, ein Verwalter des literarischen Untergrunds, ein Dichter der Gasse und der Masse, einer, der die Lyrik auf den Markt gebracht hat. Er schämte sich nicht, das Drastische, das Vulgäre zu schätzen. Und er zögerte nicht, das Distinguierte, das Elitäre zu bewundern. In seinen Versen finden Schlager, Gassenhauer und Kinderreime ein unmittelbares Echo, aber auch die Oden Klopstocks und die Lieder von Matthias Claudius, die Hymnen Hölderlins.

          Dieser Rühmkorf ist nie ganz seriös - und immer sehr ernst. Wenn seine so unterschiedlichen Bücher ein gemeinsames Fundament haben, dann ist es weder eine Idee noch eine Philosophie, weder eine Doktrin noch eine Ideologie. Vielmehr ist es sein widerspruchsvoll-militantes, sein spannungsvoll-ambivalentes Verhältnis zum Leben. Er ist ein Prediger mit der Schiebermütze, ein Priester mit der Narrenkappe, ein kleiner, munterer Prophet und ein großer, würdiger Schalk, ein Buhrufer und Poet dazu. Rühmkorf hat nichts mit jenen deutschen Autoren gemein, die singen, weil sie nicht denken können, die dichten müssen, weil ihnen das Schreiben unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet. Rühmkorf war ein intellektueller Lyriker und ein lyrischer Essayist.

          In vielen Kolonnen mitmarschiert

          Für unser literarisches Leben zu Rühmkorfs Lebzeiten war oft jener Zorn charakteristisch, der seinen Mann ganz gut ernährte. Wer protestierte, der profitierte, wer rebellierte, der reüssierte. Zeitweise gab es in der bundesdeutschen Literatur mehr Provokateure als Schriftsteller. Selbstverständlich war er ein politisch engagierter Poet. Aber er misstraute dem politischen Engagement der Poesie.

          Alle, die ihn für seine Zwecke missbrauchen wollten, erteilte er eine höhnische Abfuhr. In seinem „Mailied“ rief er der jungen Genossin belehrend zu: „Gestern Kommunist - morgen Kommunist, / aber doch nicht jetzt, / beim Dichten?“ Er ist in vielen Kolonnen mitmarschiert, ohne je seine besondere Gangart zu verleugnen. Er blieb immer - um den Titel eines seiner frühen Gedichte zu zitieren - „im Vollbesitz seiner Zweifel“. So war Rühmkorf immer auf der Suche nach einer schönen, einer verlockenden Blume. Ihre Umrisse verschwimmen in weiter Ferne, nicht einmal ihre Farbe lässt sich genau erkennen. Ist sie blau oder rot? Man kann nicht ganz sicher sein. Doch ob blau oder rot - es ist auf jeden Fall die Blume der Romantik.

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