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Rede über den deutschen Roman : Fräulein Laura wollte niemand hören

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Er öffnete dem Roman Fenster, von deren Vorhandensein man bis dahin nichts wusste: Heimito von Doderer Bild: picture-alliance / dpa

Von der Gruppe 47 und ihren unterschätzten Autoren bis zur literarischen Vielgestaltigkeit der Gegenwart: die sehr persönliche Geschichte des deutschsprachigen Romans als Rede aus dem Stegreif.

          Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern fällt es oft erstaunlich leicht, einen Überblick über den gerade gegenwärtigen Stand der Literatur im Allgemeinen und des Romans im Besonderen zu geben; obwohl die Erfahrung bei einer Betrachtung des literarischen Lebens in historischen Dimensionen uns lehrt, wie schwierig es ist, über den Rang oder die Überlebensfähigkeit eines Werkes zum Zeitpunkt seiner Entstehung zu urteilen. Die jeweils zeitgenössische Mentalität umgibt und trägt ein neues Werk wie eine Wolke, bisweilen entzieht sie es auch den Blicken des Publikums. Erst wenn all das, was einst selbstverständlich war, was der Gemeinschaftserfahrung entsprach, aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden ist, gewinnen die Werke ihre Statur und ordnet sich die literarische Produktion einer Epoche zu einem darstellbaren Muster.

          Die Entwicklung der deutschen Romanliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg ist für diesen Prozess ein gutes Beispiel. Es muss hier nicht die Geschichte der berühmten Gruppe 47 rekapituliert werden, die die ästhetische Atmosphäre der Nachkriegsjahrzehnte mindestens bis in die achtziger Jahre bestimmte. Aber es bleibt unbestreitbar, dass die Wahrnehmung der deutschen Gegenwartsliteratur im Ausland bis heute von den Protagonisten dieser Vereinigung bestimmt wird.

          Es gehört zum Wesen der Literatur, zum Einzelgängertum der Schriftsteller, dass sich Künstlergruppen, die sich um ein Programm scharen, alsbald wieder auflösen, im Streit zumeist, denn genuine künstlerische Kraft lässt sich an ein Programm auch dann nicht länger fesseln, wenn es ein Autor ausschließlich zum eigenen Gebrauch entworfen hätte. Das war bei der Gruppe 47 anders, vielleicht auch, weil der politische und gesellschaftliche Einfluss ihr noch wichtiger war als die Formulierung einer Poetik. Ihre weite Verbreitung in Lektorat, Rundfunkanstalten und Redaktionen sicherte ihr eine stabile Aufmerksamkeit noch lange nach ihrem produktiven Ende - ein Werk wie das K. H. Deschners, der Anfang der fünfziger Jahre die Autoren der Vorkriegszeit, etwa Bergengruen, Carossa, Binding, höchst wirkungsvoll angriff und sie aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwinden ließ, hat es bezeichnenderweise für die Gruppe 47 nicht gegeben - die bemerkenswerte Auseinandersetzung mit Werken von Günter Grass, Alfred Andersch und Marcel Reich-Ranicki, die etwa Petra Morsbach, eine durchaus gewichtige Stimme, in ihrem Buch „Warum Fräulein Laura freundlich war“ versucht hat, ist im ganzen Land eisern beschwiegen worden.

          Dabei müsste eine kritische Beschäftigung mit der Gruppe 47 und ihren ausgeprägten Individualitäten nicht nur zum Schaden dieser Epoche ausfallen; das Spottwort vom „Sozialdemokratischen Realismus“ trifft einen Charakterzug dieser Bewegung, der auch viele gute Seiten hat: einen gemäßigten, gleichsam „vernünftigen“ Umgang mit den von den literarischen Avantgarden entwickelten Mitteln, das Ideal einer Handwerklichkeit, der es gelingt, sich von schnöder Routine fernzuhalten, um das politische Verantwortungsgefühl, ein in seinem Selbstgefühl erschüttertes Volk zu mahnen und zu trösten, ohne es einzuschüchtern oder einzuschläfern.

          Das eigentlich Beklagenswerte am überwältigenden, mit zwei Nobelpreisen bedachten Erfolg der Gruppe 47 bleibt bis heute, dass sie wie ein Paravent die Leistungen verdeckte, die nicht aus ihrer Mitte stammten. Große Autoren wurden hinter diesem Paravent bestenfalls zu ewigen Geheimtipps mit treuen Lesergemeinden, gelangten aber nicht ins Bewusstsein der lesenden Öffentlichkeit, in die des Auslandes schon gar nicht. Und dies Schicksal hat eben nicht nur Wolf von Niebelschütz, Vigoleis Thelen, Ernst Kreuder oder Fritz von Herzmanovsky-Orlando getroffen, sondern auch einen ganz Großen, einen Romancier der ersten Reihe, dem die Stars der Gruppe 47 jedenfalls niemandem zur Seite hätte stellen können, den 1966 gestorbenen Heimito von Doderer.

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