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Gleichberechtigung : Hört. Doch. Mal. Zu!

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Gleichberechtigte Stimmen: Rebecca Solnit setzt sich dafür ein, dass Frauen ebenso gehört werden, wie Männer. Bild: INTERTOPICS/eyevine

Die amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit hat es satt, dass Männer ihr ungefragt die Welt erklären. In ihrem Buch „Men explain things to me“ wehrt sie sich gegen die Unterdrückung von Frauenstimmen.

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          „Bitte bleiben Sie doch, nur noch ein bisschen“, hatte er gesagt, als sie gerade gehen wollten, hinaus in die laue Sommernacht. Es war eine unsäglich langweilige Party gewesen, aber sie war höflich genug, um seiner Bitte Folge zu leisten. Er wollte sie, die Schriftstellerin, von der er so viel gehört hatte, doch unbedingt kennenlernen. Mit ihr reden, über ihre Arbeit, ihr neuestes Buchprojekt. Deswegen wartete sie auf den wohlhabenden Mann. Geduldig und gemeinsam mit ihrer Freundin. Schließlich hatte er sie – sie würde ihn später „Mr. Important“ nennen – extra eingeladen, in dieses furchtbar teure, überbordende, sehr amerikanische Haus in Aspen.

          Sie sprach gern über ihre Arbeit. Gerade war ihr siebtes Buch erschienen. Auf der Party waren sie und die Freundin die jüngsten gewesen. „Junge Frauen“ nannte man sie, dabei waren sie beide weit über vierzig. Als die anderen Gäste endlich gegangen waren, setzten sie sich an den massiven Holztisch im Wohnzimmer. Der ältere Mann und die zwei jungen Frauen. Er fragte nach ihrer Arbeit als Autorin und den Themen ihrer Bücher. Aber er sprach mit ihr wie mit „einer Siebenjährigen, die zum ersten Mal beim Flötenunterricht gewesen war“.

          Ob Frühlingsgefühle das Zuhören fördern? Rebecca Solnit plädiert für Dialoge statt Monologe.
          Ob Frühlingsgefühle das Zuhören fördern? Rebecca Solnit plädiert für Dialoge statt Monologe. : Bild: dpa

          Und als sie gerade ansetzen und ihm von ihrem gerade erschienenen Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge berichten wollte, unterbrach er sie sofort. Ob sie denn das wichtige Muybridge-Buch kenne, das er gerade entdeckt habe? Vergeblich versuchten sie und ihre Freundin, ihm, der sich in seiner Autorität nur so sonnte, klarzumachen, dass das Buch, von dem er da schwärmte, ihr Buch sei. Aber der alte Mann redete und redete weiter. Es brauchte fünf Anläufe der Freundin, bis er begriff, dass dieses Buch ihr Buch war. Er verstummte für eine Weile. Und sie, die beiden Frauen, taten das einzig Richtige. Sie lachten. Laut und unfassbar lange.

          „Men explain things to me“

          Situationen wie diese kennt jede Frau. Sie schluckt sie runter und legt sie ab in der Schublade mit den Selbstzweifeln. Die Welt gehört uns halt nicht. Rebecca Solnit – Amerikanerin, 53 Jahre alt, Journalistin, Essayistin, Umweltschützerin, Historikerin, Kunstkritikerin und eben jene Schriftstellerin in dem Haus in Aspen – hat das auch lange getan. Bis es einfach nicht mehr ging, bis der Kopf und die Gedanken vor Wut nicht mehr mitmachen wollten. An einem Morgen im März 2008, nach einer Dinner Party, auf der sie wieder einmal darüber gescherzt hatte, einen Essay mit dem Titel „Men Explain Things to Me“ schreiben zu wollen, tat sie es endlich. Ohne anzuhalten tippte sie in ihre Tastatur, was sich schon längst im Kopf geformt hatte. Vernichtend und komisch zugleich beschrieb sie, was in Gesprächen zwischen Männern und Frauen so oft schiefläuft. Sie schrieb über die Sorte Männer, die annehmen, dass sie die Dinge kennen, und die glauben, Frauen hätten keine Ahnung. Und darüber wie diese Haltung das eigene Leben bestimmt.

          In den Vereinigten Staaten war der Essay eine Sensation, und in den folgenden Diskussionen, die „Men Explain Things to Me“ vor allem im Internet entfachte (der Text wurde zuerst auf „TomDispatch“ veröffentlicht), wurde schnell ein Begriff für dieses Phänomen gefunden: „mansplaining“. Wort des Jahres 2014 in Australien. Rebecca Solnit mag den Begriff nicht besonders, weil man Bevormundung nicht mit Bevormundung kontern sollte.

          Gespräche, die nie enden

          Aber der Essay war nur der Anfang. Aus dieser Episode und diesem Gefühl entstand ein ganzes Buch gleichen Titels, das im letzten Sommer in den Vereinigten Staaten erschienen ist, gewidmet „allen Großmüttern, Ausgleichenden, Träumern, Männern, die es verstanden haben, jungen Frauen, die sich vorwärts bewegen, älteren, die den Weg geöffnet haben, und all den Gesprächen, die nie enden“. Es geht in diesem Buch um Frauen und Ungleichheit, Diskriminierung, Rassismus und Gewalt. Und um die Kunst des Zuhörens. In den Essays schreibt Rebecca Solnit über die Degradierung und Unterdrückung von Frauenstimmen auf der ganzen Welt. Sie erzählt von der FBI-Agentin, deren Warnungen vor Al Qaida ignoriert wurden; von Frauen, die einen männlichen Zeugen brauchten, um ihre Vergewaltigung zu „beglaubigen“; von Schriftstellerinnen und Politikerinnen, deren Wut grundsätzlich als „schrill“ und „hysterisch“ bezeichnet und denen gesagt wird: „Machen Sie lieber ein Sandwich.“

          Virginia Woolf ist auch lange nach dem Tod der Schriftstellerin ein bedeutsamer Name in der Frauenbewegung.
          Virginia Woolf ist auch lange nach dem Tod der Schriftstellerin ein bedeutsamer Name in der Frauenbewegung. : Bild: AP

          Rebecca Solnit erörtert Virginia Woolfs Metapher der Dunkelheit als Möglichkeit der Befreiung, schreibt über die sexuellen Belästigungen, die Demonstrantinnen während des arabischen Frühlings über sich ergehen lassen mussten, und – es ist das vielleicht beunruhigendste Stück im Buch – über das, was zwischen dem damaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, und einem Zimmermädchen seines New Yorker Hotels geschah. Dass man am Ende nicht ihr, der schwarzen Frau, glaubte, dass er sie vergewaltigt habe, sondern ihm, dem mächtigen, weißen französischen Zampano, der doch sein Sperma auf ihrer Kleidung hinterlassen hatte; dass man ihre Glaubwürdigkeit erst durch Berichte über ihre soziale Lage erschütterte und sie dann durch den Akt einer stillschweigenden Einigung zum Schweigen brachte. „Ihr Name war Afrika“, schreibt Rebecca Solnit. „Er hieß Frankreich. Ihr Name war Asien. Seiner Europa. Ihr Name war Schweigen. Seiner Macht. Ihr Name war Armut. Seiner Reichtum. Ihr Name gehörte ihr, aber was sonst? Seiner gehörte ihm, deswegen glaubte er, dass ihm alles gehörte, auch sie.“

          Mut zum Dialog

          Das Buch endet mit einem sehr ernsten Hinweis. Das entscheidende Problem des Schweigens von Frauen, die etwas zu sagen haben, ist, dass sie auch Dinge zu sagen haben wie: „Er hat versucht, mich zu töten!“ Nein, sie sind nicht verrückt.

          Die Essays sind unglaublich leicht zu lesen. Dennoch hält man immer wieder inne. Weil man sich dieser Flut an Fakten nur schwer stellen kann; weil diese Flut traurig macht und frustriert. Aber es ist nicht allein das, was sich im Kopf festsetzt. Man entdeckt etwas sehr Grundsätzliches in dem Buch wieder: Wie wichtig das Zuhören ist. Ja, das klingt kitschig. Aber ist es denn nicht so, dass wir uns am liebsten selber reden hören? Dass wir Monologe halten, statt Dialoge zu führen? Monologe schützen ja auch, vor Auseinandersetzungen, davor, Standpunkte und Haltungen womöglich zu verändern. Und zuhören können heißt ja auch: etwas wissen wollen.

          Rebecca Solnits Buch ist also nicht nur ein weiteres Buch von Frauen über Frauen und gegen die Macht der Männer. Sie sagt uns: Meine Stimme ist genauso viel wert wie deine! Das meint auch: Gehört werden (wollen) hat nichts mit Geschlechtern zu tun. Denn wenn Solnit über Frauen spricht, die es – weil sie, wie alle, eine Stimme haben – verdient haben, gehört zu werden, dann ist das zum einen ein feministischer Wunsch, aber es ist eben auch ein Wunsch, der für alle gelten sollte. Ohne Ansehen der Person. Und des Geschlechts.

          „Men Explain Things to Me“ ist nur ein Platzhalter für den allgemeinen Kampf um Vormachtstellungen. Wer darf was wann und wie sagen? Wer darf urteilen? Es ist auch eine Frage der Teilhabe. Wer darf mitspielen? Und: Wer hört uns? Rebecca Solnit findet diese Fragen überall. Deswegen schreibt sie. Über die Lust am Gehen, den Irrgarten des Lebens, Umweltschutz, Menschenrechtsfragen, Naturkatastrophen, den Einfluss von Technologien auf unseren Alltag und unsere Geisteswelt. Ihr Spektrum ist so unvorhersehbar und bunt wie das Leben. In einem Interview mit „The Believer“ hat sie kürzlich George Orwell zitiert: „Ich schreibe, weil ich Unwahrheiten offenlegen möchte, weil es Fakten gibt, auf die ich aufmerksam machen möchte, und mein eigentliches Anliegen ist es, gehört zu werden“.

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