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Gleichberechtigung : Hört. Doch. Mal. Zu!

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Virginia Woolf ist auch lange nach dem Tod der Schriftstellerin ein bedeutsamer Name in der Frauenbewegung.
Virginia Woolf ist auch lange nach dem Tod der Schriftstellerin ein bedeutsamer Name in der Frauenbewegung. : Bild: AP

Rebecca Solnit erörtert Virginia Woolfs Metapher der Dunkelheit als Möglichkeit der Befreiung, schreibt über die sexuellen Belästigungen, die Demonstrantinnen während des arabischen Frühlings über sich ergehen lassen mussten, und – es ist das vielleicht beunruhigendste Stück im Buch – über das, was zwischen dem damaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, und einem Zimmermädchen seines New Yorker Hotels geschah. Dass man am Ende nicht ihr, der schwarzen Frau, glaubte, dass er sie vergewaltigt habe, sondern ihm, dem mächtigen, weißen französischen Zampano, der doch sein Sperma auf ihrer Kleidung hinterlassen hatte; dass man ihre Glaubwürdigkeit erst durch Berichte über ihre soziale Lage erschütterte und sie dann durch den Akt einer stillschweigenden Einigung zum Schweigen brachte. „Ihr Name war Afrika“, schreibt Rebecca Solnit. „Er hieß Frankreich. Ihr Name war Asien. Seiner Europa. Ihr Name war Schweigen. Seiner Macht. Ihr Name war Armut. Seiner Reichtum. Ihr Name gehörte ihr, aber was sonst? Seiner gehörte ihm, deswegen glaubte er, dass ihm alles gehörte, auch sie.“

Mut zum Dialog

Das Buch endet mit einem sehr ernsten Hinweis. Das entscheidende Problem des Schweigens von Frauen, die etwas zu sagen haben, ist, dass sie auch Dinge zu sagen haben wie: „Er hat versucht, mich zu töten!“ Nein, sie sind nicht verrückt.

Die Essays sind unglaublich leicht zu lesen. Dennoch hält man immer wieder inne. Weil man sich dieser Flut an Fakten nur schwer stellen kann; weil diese Flut traurig macht und frustriert. Aber es ist nicht allein das, was sich im Kopf festsetzt. Man entdeckt etwas sehr Grundsätzliches in dem Buch wieder: Wie wichtig das Zuhören ist. Ja, das klingt kitschig. Aber ist es denn nicht so, dass wir uns am liebsten selber reden hören? Dass wir Monologe halten, statt Dialoge zu führen? Monologe schützen ja auch, vor Auseinandersetzungen, davor, Standpunkte und Haltungen womöglich zu verändern. Und zuhören können heißt ja auch: etwas wissen wollen.

Rebecca Solnits Buch ist also nicht nur ein weiteres Buch von Frauen über Frauen und gegen die Macht der Männer. Sie sagt uns: Meine Stimme ist genauso viel wert wie deine! Das meint auch: Gehört werden (wollen) hat nichts mit Geschlechtern zu tun. Denn wenn Solnit über Frauen spricht, die es – weil sie, wie alle, eine Stimme haben – verdient haben, gehört zu werden, dann ist das zum einen ein feministischer Wunsch, aber es ist eben auch ein Wunsch, der für alle gelten sollte. Ohne Ansehen der Person. Und des Geschlechts.

„Men Explain Things to Me“ ist nur ein Platzhalter für den allgemeinen Kampf um Vormachtstellungen. Wer darf was wann und wie sagen? Wer darf urteilen? Es ist auch eine Frage der Teilhabe. Wer darf mitspielen? Und: Wer hört uns? Rebecca Solnit findet diese Fragen überall. Deswegen schreibt sie. Über die Lust am Gehen, den Irrgarten des Lebens, Umweltschutz, Menschenrechtsfragen, Naturkatastrophen, den Einfluss von Technologien auf unseren Alltag und unsere Geisteswelt. Ihr Spektrum ist so unvorhersehbar und bunt wie das Leben. In einem Interview mit „The Believer“ hat sie kürzlich George Orwell zitiert: „Ich schreibe, weil ich Unwahrheiten offenlegen möchte, weil es Fakten gibt, auf die ich aufmerksam machen möchte, und mein eigentliches Anliegen ist es, gehört zu werden“.

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