https://www.faz.net/-gqz-wzcl

Ratgeber : Erziehen wir unsere Kinder zu Tyrannen?

  • -Aktualisiert am

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, schreibt Niklas Luhmann in „Die Realität der Massenmedien“. Man muss deshalb über Handreichungen staunen, die in Hinblick auf die Gesellschaft in pädagogischer oder in therapeutischer Praxis gesammelte Erfahrungen prolongieren, als seien sie sichere Wechsel auf eine Zukunft, die die Gegenwart formt. Vor fünfundvierzig Jahren erklärte der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter in seiner Untersuchung „Eltern, Kind und Neurose“, deren Erfolg sich erst in den siebziger Jahren einstellte, die Gegenwart der Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern aus der verschwiegenen und verdrängten Vergangenheit der erziehenden Kriegsgeneration. Damals ging es um eine Art Befreiung von seelischen Lasten. Freiheit war auch das Stichwort für die antiautoritären pädagogischen Konzepte gewesen, die in Hinblick auf die Gesellschaft von Partizipationsvorstellungen und nicht von Exklusionsängsten geprägt waren. Diese Konzepte waren noch ein wichtiger Teil des Traums von einer gerechten Gesellschaft. Es müssen unmittelbare Erfahrungen, auch im kleinsten sozialen Raum, gewesen sein, die solche Partizipationsvorstellungen unterstützen. So wie Jahrzehnte später in Budes öffentlicher Soziologie ebenfalls die unmittelbaren Eindrücke, die man sich von der Straße holen kann - zum Beispiel bei Jugendlichen, die Discos zu ausländerfreien Räumen erklären -, lebenspraktische Modelle für die These von der sozialen Grundunterscheidung zwischen Drinnen und Draußen liefern.

Das psychisch-pädagogische Minimalprogramm, das Winterhoff den Kindern verschreibt, ist auch das soziale Minimalprogramm einer wackeligen und verschwommenen bürgerlichen Mitte, in dem weniger Kompetenzen als vor allem Charakteristika vereint sind, mit denen sich „psychische Reifung“ definieren lassen soll. Die Hoffnung, damit den ersten Stein für eine Mauer gesetzt zu haben, die einen davor bewahren möge, aus der erreichten Schicht zu fallen, spricht sich in der festgelegten, bürokratischen Abläufen korrelierenden Ansicht des Bonner Arztes aus, dass die Seele parieren muss. „Nur durch ständiges Training und zahllose wiederholte Durchläufe des gleichen Vorgangs ist es möglich, als Erwachsener die notwendigen psychischen Funktionen erlangt zu haben, die unabdingbar sind, um als in gesellschaftliche Prozesse eingebundenes Wesen existieren zu können.“

Keiner will Verlierer sein

Das Schlüsselwort lautet „eingebunden“. Zu einer Spaltung zwischen denen, „die den sozialen Wandel verkörpern“, so Bude, und jenen, „die zurückbleiben“, kommt es auf allen Ebenen der Gesellschaft: „In den Milieus der Unterprivilegierten genauso wie in den Arbeitnehmermilieus der Mitte, im psychosozialen Mittelstand der Ärzte, Therapeuten und Lehrer genauso wie im Bildungsbürgertum der Professoren, Pfarrer und Rechtsanwälte, in der Manager- und Bankerklasse genauso wie in den Reihen des Besitzbürgertums. Die Milieus teilen sich in relative Gewinner und relative Verlierer.“

Wenn aus Kindern keine Erwachsenen werden, weil sie von den Erwachsenen nicht erzogen worden sind, dann werden aus ihnen Verlierer eines pädagogischen Mittelstandes, dem das „Wissen der Vorfahren“ zu der Erinnerung geronnen ist, dass früher die Kinder „im realistischen Machtverhältnis geführt“ wurden: „Die Kinder wurden in ihrem Fehlverhalten gespiegelt, sie wurden gefordert und konnten sich entsprechend psychisch normal entwickeln.“ Das muss die Generation der Kinder gewesen sein, die sich mit sechzehn, siebzehn Jahren Richters Buch „Eltern, Kind und Neurose“ zulegten.

Und wer liest „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ von Erika J. Chopich und Margaret Paul, vor fünfzehn Jahren auf Deutsch erschienen, in siebzehn Hardcoverausgaben und über zwanzig Taschenbuchausgaben? Die Kinder, die erwachsen wurden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Hans-Georg Maaßen im Oktober 2020 in Berlin

AfD-Klage : Maaßen will Schaden von Verfahren abwenden

Nach mehr als einem Jahr fällt der Kanzlei Höcker ein möglicher Interessenkonflikt ihres Beraters Hans-Georg Maaßen auf. Es geht um die Vertretung der AfD. Der frühere Verfassungsschutzpräsident zieht sich zurück.

Premier League : „Visionär“ Tuchel als neuer Chelsea-Coach

Nun kommt also Thomas Tuchel. Nach der Trennung vom glücklosen Fanliebling Frank Lampard will der FC Chelsea mit dem früheren Coach des BVB und von PSG schnell wieder erfolgreich sein. Die Erwartungen an den Taktiktüftler aus Deutschland sind hoch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.