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Pussy Riot : Ich bin christlich orthodox und gegen Putin

Der erste Hungerstreik ist wie die erste Liebe: „Pussy Riot“-Aktivistin Maria Aljochina (Mitte) rappt mit Anastasia Aschitkowa und Kiryl Mascheka. Bild: Victor Hedwig

Durch ihre Protestaktionen mit der Punkgruppe „Pussy Riot“ wurde sie bekannt und landete im Gefängnis: Maria Aljochina präsentiert ihr Buch „Tage des Aufstandes“ in einem multimedialen Rap-Theater-Auftritt.

          „Pussy Riot“ ist nicht bloß eine feministische russische Punkrock-Band, sondern eine Lebensform, bei der das Weiche, Kuschelige plötzlich rebellisch wird. Jeder kann sie sich zu eigen machen, erklärt Maria Aljochina, die Protestkünstlerin aus dem harten Kern von „Pussy Riot“, die nach dem Punk-Gebet in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale im Februar 2012 zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurde. Aljochina hat jetzt ein Buch über diese Erfahrung herausgebracht und im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm vorgestellt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ihr Text „Tage des Aufstandes“, auf Deutsch erschienen im Berliner Kleinverlag ciconia ciconia, unterscheidet sich grundlegend von der „Anleitung für eine Revolution“, die ihre glamourösere Mitstreiterin und Leidensgenossin Nadja Tolokonnikowa vor einem Jahr bei Hanser publizierte. Während Tolokonnikowa den Eindruck vermittelt, Revolution sei vor allem sexy und cool und mit Namen von Theoretikern wie Lacan, Derrida oder Kristeva um sich wirft, schildert Aljochina in plastischer, klarer Sprache, wie es sich anfühlt, vom staatlichen System zum körperlichen Objekt herabgewürdigt zu werden. Sie habe es als ihre Pflicht empfunden, sagt die zarte, mädchenhafte Frau, sich dem nicht zu unterwerfen.

          Ihr Fürsprecher verlor seine Anstellung

          Maria Aljochina zeigt sich besonders darüber empört, dass die russisch-orthodoxe Kirche Präsident Wladimir Putin zum Ersatzgott stilisiert. Dabei hätte Putin längst abgewählt werden müssen. Die legendären Auftritte der Pussy-Riot-Punkerinnen in ihren bunten Häkelmasken richteten sich vor allem gegen die Rückkehr Putins, der 2012 mit dem Pro-forma-Präsidenten Dmitri Medwedjew die Plätze tauschte. Patriarch Kyrill, der als ehemaliger KGB-Informant mit Codenamen „Michalytsch“ ganz verliebt sei in den Ex-Geheimdienstler Putin, wie es in ihrem Buch heißt, verkündete, orthodoxe Christen würden für Putin stimmen. „Aber ich bin orthodox, und ich bin gegen Putin“, sagt Aljochina.

          Auch Aktivistin Nadja Tolokonnikowa veröffentlichte ein Buch. Es trägt den Titel „Anleitung für eine Revolution“.

          Ihr Christentum hänge nicht an der Institution der Patriarchatskirche, sondern an der Bibel, zumal dem Neuen Testament und Jesus Christus, bekennt Maria Aljochina. Bevor sie Punkerin wurde, engagierte sie sich im Jugendzentrum des Patriarchats für die Freiwilligeninitiative „Danilowzy“, mit der sie Kinder in einer Moskauer psychiatrischen Klinik betreute. Der Leiter der „Danilowzy“ gab beim Prozess gegen sie eine positive Beurteilung ihrer Tätigkeit ab, erinnert sie sich. Daraufhin wurde er von seinem Posten entfernt. Die russisch-orthodoxe Kirche sei heute de facto ein Gewaltorgan, weiß Aljochina. Zwar gäbe es in ihrem Inneren Gegenströmungen. So habe sie nach ihrer Freilassung einen Priester kennengelernt, der aus Entsetzen über den „Pussy Riot“-Prozess die Kirche verlassen habe. Doch die Kräfte, für die die Interessen des Kaisers allbestimmend sind, prägten das Gesicht des russischen Glaubens.

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