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Psychische Leiden : Therapiebedarf lässt sich immer anmelden

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Ein nebulöses Feld: die Grenzen psychischer Leiden sind fließend Bild: dpa

Was soll eigentlich als psychische Erkrankung gelten und warum? Der Berliner Psychiater Andreas Heinz versucht auf diese vieldiskutierte Frage eine klärende Antwort.

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          Dass Länder wie unseres über ein Gesundheitssystem verfügen, über Gesundheitsministerien und Gesundheitskassen, kurz: dass wir nicht nur sinnfälliges Kranksein behandeln, sondern nach dem Prinzip des Vermehrens einer Ressource „Gesundheit“ produzieren, hat den Begriff der Krankheit nicht klarer gemacht. Im Gegenteil. Namentlich im Bereich der psychischen Erkrankungen wuchern die Krankheitsbilder: Wer länger als zwei Wochen trauert, wer Wut- oder Heißhungerattacken hat, wer häufig an seiner Haut kratzt, trotzköpfige Kinder - sie alle können als therapiebedürftig gelten.

          Das „DSM 5“, die Liste der aktuell gültigen Diagnosekriterien der American Psychiatric Association, verzeichnet Hunderte psychischer Krankheiten oder Störungen, und im Buch V der konkurrierenden ICD-10-Tabelle der Weltgesundheitsorganisation WHO, das mögliche psychische Störungen auflistet, sieht es kaum anders aus. Während das Seelenleben auf diese Weise einerseits immer therapiebedürftiger erscheint, stärkt andererseits die seit 2009 in Deutschland gültige Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen die Selbstbestimmung auch dauerhaft psychisch Kranker. Gegen ihren Willen ist Behandlung kaum mehr zulässig, was den Druck auf das psychiatrische Entscheiden etwa im Fall uneinsichtiger, delirierender oder suchtkranker Patienten erhöht. Wie unter diesen Bedingungen „psychische Krankheit“ definieren? Und wie stehen die psychischen Krankheiten zum Konzept der Krankheit überhaupt?

          Probleme eines einheitlichen Krankheitsbegriffs

          Der Berliner Psychiater Andreas Heinz stellt seinen Versuch über dieses große Thema in die Tradition „geisteswissenschaftlichen“ Nachdenkens über die Schwellen zum Kranksein. In vierzehn Kapiteln, die nicht nur objektivierbare körperliche Krankheitszeichen, sondern auch Leid, Entfremdung, Stimmungen und soziale Teilhabe behandeln, entfaltet er, was ein guter Krankheitsbegriff für das Feld der Seelenleiden alles zu berücksichtigen hätte: Er müsste hinsichtlich der sogenannten „endogenen“ (also inneren Gründen zugeschriebenen) Psychosen hinreichend zurückhaltend sein, um nicht bloße Absonderlichkeiten oder das auf gewollte Weise abweichende Verhalten zu treffen; er sollte Störungen, die kein Leiden verursachen, nicht pathologisieren; er dürfte Physisches und Psychisches nicht künstlich trennen, und er muss Suchtphänomenen gerecht werden, die von der Drogensucht bis zu sogenannten Verhaltenssüchten eine Nebenrolle in medizinischen Lehrbüchern spielen. Therapiebedarf erzeugen sie trotzdem, wie man weiß.

          Die Schwierigkeiten, die einem einheitlichen Krankheitsbegriff entgegenstehen, sind erheblich. Heinz arbeitet sich denn auch eher an den Problemen ab, als dass sich zum Ende hin die Nebel lichten. Sein Vorschlag läuft zum einen darauf hinaus, eine in der internationalen Diskussion breit eingeführte Unterscheidung, die Dreiteilung von disease, illness und sickness (soll heißen: naturwissenschaftlich-objektivem Krankheitszeichen, innerem Leidenszustand und der sozialen Zuschreibung „krank“) mit den Anthropologien Kants und vor allem Helmut Plessners zusammenzubringen. „Außenwelt“, „Innenwelt“ und „Mitwelt“ sorgten dann für nicht voneinander abzutrennende „Aspekte“ psychischen Krankseins. Diese wären im Einzelfall zu gewichten, und jeweils könnte eine „minimale Anthropologie“ hierbei der Prüfmaßstab sein.

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