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Psychische Leiden : Therapiebedarf lässt sich immer anmelden

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Wenig neue Lösungen

Heinz schlägt vor, den Krankheitsbegriff auf die Bedrohung „überlebenswichtiger“ oder mindestens „lebenswichtiger“ oder jedenfalls „wesentlicher“ Organfunktionen oder (begrifflich bleibt dieser zentrale Punkt über die Kapitel hinweg leider unklar) überhaupt „menschlicher“ Funktionen zu beschränken. Die entscheidende Einteilung psychischer Erkrankungen sei die alte Unterscheidung von exogenen und endogenen Psychosen; der Bereich der Sucht, eigentlich aber Krankheit im körperlichen Sinne, komme hinzu. Fehlen objektive Körpersymptome, plädiert Heinz dafür, im Zweifel mit dem Begriff der hilfsbedürftigen Störung zu arbeiten, wobei dann der freie Wille des oder der Betroffenen zählt.

Auf dem Papier reduziert sich die Zahl psychischer Erkrankungen auf diesem Wege drastisch. Neue Lösungen für das Dilemma, wie der Arzt mit psychisch Kranken ohne Krankheitseinsicht im Notfall umzugehen hat, ergeben sich hier allerdings ebenso wenig, wie Klärendes wirklich aus dem philosophischen Unterbau für die „Minimalkriterien“ erwächst. Psychische Krankheit soll eigentlich im Konfliktfall erst eintreten, wenn unterlassene Hilfeleistung zum Tod führen würde. Konkurrierend sollen es allerdings auch für den Menschen (idealtypisch) „wesentliche“ Funktionen sein, von deren Störung das Kranksein abhängt. Und im Bereich der sozialen Zuschreibung von „Krankheit“ sollen ausnahmsweise sogar die bloßen „Handlungen“ entscheiden, nämlich ihre Flexibilität und das in ihnen implizierte Verstehen anderer: Geht die „Fähigkeit zur flexiblen Handlungsgestaltung“ verloren, kann dies „als wesentliche Beeinträchtigung menschlicher Fähigkeiten und damit als objektivierbares Krankheitszeichen gewertet werden“.

Dass die Klassifikation „psychisch krank“ nicht zuletzt über Geldflüsse entscheidet, deutet Heinz an. Nur für das, was als Krankheit gilt, werden Behandlungen durch das Medizinsystem finanziert; aber eben auch für das, was als krank gelten soll. Für Alkoholabhängigkeit etwa nicht. Heinz sieht das kritisch, auch für Schizophrene deutet er ein „Recht auf Krankheit“ an. Wie öfters im Buch wird dabei der Haltegriff der philosophischen Anthropologie schlicht losgelassen und vom Ergebnis her argumentiert: Der Krankheitsbegriff soll zwar nicht zu weit ausfallen, aber zu eng darf er eben auch nicht sein. Politische Korrektheit ersetzt so den auf der Buchrückseite angepriesenen „philosophisch informierten“ Begriff.

Das Buch überzeugt insgesamt denn auch eher als Problemaufriss denn als Stellungnahme, welche die Definitionsfrage voranbringt. Dazu enthält es Wiederholungen, irritierend viele Verweise auf eigene Aufsätze, wirkt in der Auswahl seiner Theoriebezüge unmotiviert (außer für Plessner und Kant pflegt Heinz eine Vorliebe für Bakunin) - kurz: gemessen am Gewicht des Themas behält das Werk autodidaktische Züge. Die Motive unterschreibt man folglich zwar gern: kreative Potentiale in der Krankheit erkennen, kein politischer Missbrauch von Krankheitsdefinitionen, keine sinnleere psychiatrische Diagnostik, Rückbesinnung auf geisteswissenschaftliche Theoriebildung zum Thema. Der Anspruch der Präzisierung aber wird nicht eingelöst.

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