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Proust-Film aufgetaucht? : Der Mann mit dem goldenen Revolver

Bild: Centre National du Cinéma

In einen Amateurfilm aus dem Jahr 1904 sondert sich auf einer Pariser Hochzeitsgesellschaft ein Mann im grauen Gehrock ab. Ist es Marcel Proust, wie ein kanadischer Wissenschaftler jetzt behauptet?

          Der Amateurfilm, gedreht am 14. November 1904 in Paris, ist schon für sich genommen interessant: Die erhaltenen 77 Sekunden zeigen eine Hochzeit in höchsten Kreisen, jenen Moment jedenfalls, in dem die Gäste nach der Trauung die Kirche wieder verlassen. Zwischen den würdigen Paaren, die da die Stufen hinabschreiten, meist ältere Herren mit jüngeren Frauen, ist auch ein verloren wirkender junger Mann im grauen Gehrock. In der 37. Sekunde des Fragments läuft er kurz durchs Bild. Sein Auftritt aber könnte den Film zu einer Sensation machen: Handelt es sich bei dem jungen Mann um den Dichter Marcel Proust?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese These stellt der frankokanadische Literaturwissenschaftler Jean-Pierre Sirois-Trahan in der jüngst erschienenen Zeitschrift „Revue d’études proustiennes“ auf. Und wenn er recht hätte, besäßen wir nun neben den vielen bekannten Fotos auch erstmals Filmaufnahmen des Dichters. Sirois-Trahans Argumente zielen unter anderem auf die belegte Anwesenheit Prousts bei dieser Hochzeit sowie auf physiognomische Ähnlichkeit und die Kleidung des jungen Mannes, der sich damit, wie der Forscher darlegt, bewusst von den übrigen Gästen absondert.

          „Wie gern möchte ich mit Ihnen über Einstein sprechen“

          Die Hochzeit wurde in der Pfarrkirche La Madeleine im 8. Arrondissement abgehalten. Die Braut Elaine Greffulhe, die schon als Kind einen Band mit eigenen Gedichten publiziert hatte, war die Tochter von Elisabeth Gräfin Greffulhe, die als ein Vorbild für die elegante Gräfin Guermantes in Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gilt. Der Bräutigam Armand Guiche, von 1924 an Duc de Gramont, war ein enger Freund von Proust – später sollte er als Physiker arbeiten und 1956 Präsident der französischen Akademie der Wissenschaften werden. Proust hatte Armand Guiche im Dezember 1902 kennengelernt. Sein Band „Les plaisiers et les jours“ war damals bereits erschienen. Zur Hochzeit, bei der er sich verspätete, schenkte Proust den Brautleuten einen goldenen Revolver.

          Bis zum Lebensende riss der Faden nicht ab, auch wenn die Begegnungen spärlicher wurden. „Wie gern möchte ich mit Ihnen über Einstein sprechen“, schreibt Proust in der Nacht vom 9. auf den 10. September 1921 an den Freund: „Ich verstehe kein Wort von seinen Theorien, da ich kein Algebra kann. Und ich bezweifle, dass er meine Romane gelesen hat. Es heißt, wir hätten eine ähnliche Art, die Zeit zu verformen.“

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