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Protokolle von Can Dündar : Ein hochbesorgter Brief an Präsident Erdogan

Am 26. November begann der Prozess gegen Dündar und Gül. Der Prozess als solcher verhöhnte bereits den Rechtsstaat. Grotesk wurde er, als die Staatsanwalt zu „beweisen“ versuchte, dass Dündar auf Veranlassung der Gülen-Bewegung gehandelt habe. Grotesk deshalb, weil keine andere Zeitung schon so lange und eindrücklich vor der Gefahr der Gülen-Bewegung gewarnt hatte.

Schmierenkampagne der Staatsmedien

Als der Prozess lief, fand sich Dündar in Josef K. wieder, dem Helden in Kafkas Roman „Der Prozess“. In der Isolationshaft wurde er dann zum Gefangenen von Stefan Zweigs „Schachnovelle“. Und er erinnerte sich an den mittelalterlichen Mystiker al Halladsch, der schrieb: „Die Hölle ist nicht der Ort, der an dem du leidest, sondern der, an dem niemand hört, dass du leidest.“

Ohne Verbitterung, sondern immer wieder mit Witz und Humor schildert Dündar die Monotonie der zweiundneunzig Tage in Silivri. Kollegen, die bereits einmal in Haft waren und ihn besuchen durften, gaben ihm Ratschläge, um gesund zu bleiben. Etwa: „Treib Sport. Der Hof ist kurz, wenn du auf und ab gehst, schadest du deinen Fußgelenken. Lauf Runden mindestens eine Stunde lang.“ Oder: „Das Essen ist sehr fett. Spül, was dir vorgesetzt wird, mit Wasser ab, wärm es im Teekessel neu auf.“ Ein Anwalt riet ihm, wie er von buntem Zeitungspapier Farbe abschaben könne, um in der grauen Eintönigkeit farbige Bilder zu malen.

Niemand hörte ihn in seiner Zelle. Doch seine handschriftlichen Notizen wurden die Stimmen, die die Welt draußen von ihm vernahm. Er schrieb Artikel an viele Zeitungen, Briefe an Merkel und Hollande, an Cameron und Renzi. Er erfuhr von der hässlichen Schmierenkampagne der Staatsmedien gegen ihn, den Familienmenschen, sowie gegen seine Frau und ihren Sohn. So erkannte er einerseits: „Auf Kerkerboden keimt Hass hervorragend.“ Anderseits erschienen vor seinen Augen alle die Großen, die wegen ihrer Überzeugungen eingekerkert waren, wie der Tscheche Julius Fucik, der vor seiner Hinrichtung schrieb: „In wie viel tausend Gefängniszellen ist die Menschheit wohl auf und ab gelaufen, um voranzukommen?“

Beispiellose Solidarität

Eindrucksvoll sind die Kapitel, in denen Dündar schildert, wie die großen Köpfe der modernen Türkei nicht ohne ihre Erfahrungen in den Kerkern des Landes denkbar sind. Etwa der Dichter Nazim Hikmet, die Schriftsteller Orkan Kemal, Kemal Tahir und Sabahattin Ali, der Cineast Yilmaz Güney. Als es noch keine Isolationshaft gegeben habe, sei die Zelle weniger ein „Ort der Besserung“ gewesen als vielmehr ein Bildungszentrum - „den Aufstand, der unterdrückt werden sollte, förderte sie erst recht“. Das Gefängnis war über lange Zeit die Akademie der türkischen Intellektuellen, unter Erdogan kehrt das zurück.

Ohne die beispiellose Solidarität in der Türkei und in aller Welt hätte Dündar seine Zuversicht kaum bewahrt. Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden traf sich bei einem Besuch in der Türkei mit Dündars Familie, und Dündars Freund Mete Akyol startete auf einem Holzstuhl vor dem Gefängnistor am 2. Dezember eine „Wache der Hoffnung“. Nie blieb bis Dündars Freilassung dieser Holzstuhl, der Erdogans Thron herausforderte, leer. Und am 15. Dezember fand vor dem Gefängnis eine legendäre Redaktionssitzung von „Cumhuriyet“ statt.

Das Buch endet mit einem offenen Brief Dündars an Erdogan, in dem er diesem für die Inhaftierung dankt. Dadurch sei er geschützt gewesen, „vor der wachsenden Bürgerkriegsatmosphäre im Land“. Erst durch seine Inhaftierung habe die ganze Welt von den Waffenkonvois des türkischen Geheimdienstes erfahren, erst aus dem Gefängnis heraus habe die ganze Welt gehört, was er über die Kriegsgefahr und den türkischen Unrechtsstaat schreibe, erst dank Erdogan und dessen Scharfmachern habe er eine Solidarität erfahren, wie er sie sich jahrelang gewünscht habe. Dündar unterzeichnete den offenen Brief mit „Hochbesorgt“. Das muss jeder sein, der dieses Buch liest. Dabei erzeugt es auch etwas Optimismus. Denn die Türkei besteht nicht allein aus der Welt Erdogans. Es gibt auch weiter viele Demokraten. Wie Can Dündar.

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