https://www.faz.net/-gqz-83djt

Lesekreise : Prosa statt Prozac

Wer lauscht da hinterm Vorhang? „Verbotene Bücher“ hat Alexander Rossi sein Gemälde genannt, das um 1897 entstand Bild: Alexander Mark Rossi

Warum verbünden sich Leser immer häufiger in Literaturzirkeln? Weil geteiltes Lesen doppeltes Glück bedeutet. Harmonie ist dabei nicht das Gruppenziel: Auch das Streiten über Literatur verbindet.

          8 Min.

          „And what about the wine?“, hieß es bei Facebook prompt, als Mark Zuckerberg im Januar seine Plattform „The Year of Books“ vorstellte. Der Facebook-Gründer hatte das neue Jahr mit guten Vorsätzen beginnen wollen: mehr lesen, nämlich zwei Bücher im Monat, und sich mit Freunden darüber austauschen. Damit tut der digital native allem Lärm zum Trotz zwar eigentlich nur, was Leser schon immer tun, seit es Bücher gibt: das Glück, das es verschafft, jemanden zu treffen, der dasselbe Buch gelesen hat wie man selbst, zu verstetigen, indem man eine Lesegruppe gründet. Die Anforderungen an Zuckerbergs Zirkel aber sind gleichwohl speziell: Denn nicht nur haben sich innerhalb kürzester Zeit 140 000 Mitglieder bei ihm angemeldet, was ein Gespräch über ästhetische Erfahrung nicht eben leichter macht. Auch der Wein, der zum Lesekreis gehört wie seine Abwesenheit bei den Anonymen Alkoholikern, lässt sich nun einmal nicht digitalisieren.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Wein hin, Buch her, tatsächlich erlebt der Lesekreis, so altbacken der Begriff in Zeiten sozialer Netzwerke auch klingen mag, eine unerwartete Renaissance. Und beschränkt sich längst nicht nur auf ältere Damen, die ihren Sherry ungern allein trinken. Mag sich die Welt um uns herum noch so sehr verändern, mag die digitale Revolution unser Leseverhalten auf den Kopf stellen und die Buchbranche ein ums andere Mal beklagen, dass die Bücher wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen liegen - die Leselust in Gesellschaft, also die geteilte Lektüre im privaten Kreis, findet großen Zuspruch und gestaltet sich dabei heute nicht viel anders als in den Konversationssalons des achtzehnten Jahrhunderts.

          Ob in München, Berlin oder im Bergischen Land, ob in Buchhandlungen, Literaturhäusern oder privaten Wohnzimmern - Abend für Abend kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen, Galeristen, Anwältinnen und Sozialarbeiter, die eine Leidenschaft teilen: Sie wollen Bücher nicht nur lesen, sondern sich über das Gelesene auch austauschen. Meist trifft sich die Lesegruppe in nächster Nähe. Doch einmal dabei, halten nicht selten Teilnehmer dem monatlichen Ritus die Treue und reisen selbst dann doch an, wenn sie nach einem Umzug längst in einer anderen Stadt leben.

          Erlesener Privatkanon

          Auch Sigyn Böhmer, die seit 1982 einem Lesekreis angehört, kann höchstens ein Notfall davon abhalten, an ihren Lesekreis teilzunehmen. Einmal im Monat treffen sie sich, immer reihum, diesmal richtet die pensionierte Lehrerin den Abend in ihrem Wohnzimmer mit den gestreiften Sofas im Frankfurter Stadtteil Eschersheim aus. Bevor es losgeht, werden Käse, Tomaten und Baguette gereicht, ein paar Neuigkeiten zu Kindern, Kollegen und Krankheiten ausgetauscht, dann wird der Tisch leergeräumt und das Gespräch beginnt. Heute geht es um Sasa Stanisićs Roman „Vor dem Fest“, der im vorigen Jahr den Leipziger Buchpreis gewonnen hat; der Disput lässt nicht lange auf sich warten.
          Da wird das Geschick des Autors gelobt, wie er die Geschichte eines sterbenden Dorfes in der Uckermark anhand der Figuren entwickelt, und auch das kollektive Wir der Erzählung findet Zuspruch, doch dem IT-Spezialisten in der Runde ist die Szenerie „zu putzig“, der Autor „geht ja gar nicht bis an die Schmerzgrenze“. Dass Orte, aus denen die Leute wegzögen, aber doch genauso klängen, wie die Buchhalterin dagegenhält, wird von Sigyn Böhmer unterstützt. „Die Protagonisten sind ja keine Intellektuellen, die ihre Lebensverhältnisse elaboriert reflektieren“, kontert sie den Vorwurf mangelnder Tiefe. „Der Autor verrät seine Figuren nicht.“ Das findet sie gut.

          Weitere Themen

          „Berlin Alexanderplatz“ Video-Seite öffnen

          Berlinale-Filmkritik : „Berlin Alexanderplatz“

          Alfred Döblins Zwanziger-Jahre-Stoff „Berlin Alexanderplatz“ feierte als Neuverfilmung Premiere auf der Berlinale. Warum der Sprung in die Gegenwart nicht so ganz gelingen mag, erklärt Simon Strauß in der Videofilmkritik.

          Topmeldungen

          Eine Frau trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske.

          Liveblog zu Coronavirus : Erste Fälle in Hessen und Hamburg

          Insgesamt 22 Neuinfizierte in sechs Bundesländern +++ Schwarzer Tag an der Wall Street +++ Robert-Koch-Institut: Corona gefährlicher als Grippe +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.
          Blick in den Handelssaal der Frankfurter Börse.

          Angst vor dem Virus : Breiter Kursverfall an den Weltbörsen

          Das Coronavirus infiziert immer mehr Menschen außerhalb Chinas. Die Sorgen vor dem Virus haben schon 3 Billionen Euro Börsenwert vernichtet. Die Wall Street erlebte den schlechtesten Tag seit zwei Jahren. Ein Ende ist nicht in Sicht.
          Urteil mit Signalwirkung: Das Bundesverfassungsgericht (hier im November 2019)

          Urteil zu Rechtsreferendarin : Robe sticht Kopftuch

          Das Bundesverfassungsgericht hat das Kopftuchverbot für Rechtsreferendarinnen bestätigt. Das Gericht sei ein besonderer Ort, an dem der Neutralität staatlicher Vertreter besonderer Bedeutung zukomme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.