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Preis der Leipziger Buchmesse : Jan Wagners Lyriktriumph

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Bringt die Lyrik zum Erfolg in Leipzig: Jan Wagner Bild: dpa

Jan Wagner gewinnt mit einem Gedichtband den Leipziger Buchpreis, das war vor ihm noch keinem gelungen. Philipp Ther erhält die Auszeichnung in der Kategorie Sachbuch für eine augenöffnende Europa-Studie.

          Das große Getümmel und der Lärmpegel in der Glashalle der Leipziger Buchmesse am Eröffnungstag sind eine Herausforderung für alle, die dort über Literatur reden oder anderen dabei zuhören wollen. Er habe Verständnis für jene, denen der Flughafencharakter des Ortes nicht ganz behage, sagt der Jurypräsident Hubert Winkels bei der mit Spannung erwarteten Vergabe des Buchpreises dieser Messe.

          Die laute Atmosphäre im riesigen Tonnengewölbe hindert die Jury aber nicht daran, ein sehr zartes Pflänzchen der Sprache auszuzeichnen, dessen Blick auf die Welt von einer viel kleineren Tonne seinen Ausgang nimmt: Mit Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ (Hanser Berlin Verlag) gewinnt erstmals ein Gedichtband die Leipziger Auszeichnung in der Sparte Belletristik - ein Werk zudem, dessen träumerische Gegenwartsferne und stille Entrücktheit tatsächlich quersteht zum karnevalistischen Treiben der Buchmesse und gerade dort ein wichtiges Signal dafür sein könnte, eine wirtschaftlich kaum relevante Gattung wieder mehr in den Fokus zu rücken.

          Als der Geehrte die Bühne betritt, sagt er, allein die Nominierung für den Preis sei für ihn schon beglückend genug gewesen. Die Kritikerin Meike Fessmann nennt seine Gedichte in ihrer Laudation „Minidramen“, die sich im Gedächtnis festhaken und fürs Wiederholen gemacht seien.

          Die Preisträger in Leipzig: Jan Wagner (Belletristik, links), Mirjam Pressler (Übersetzung) und Philipp Ther (Sachbuch)

          Wagner, 1971 in Hamburg geboren, lebt als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. Sein erster Gedichtband „Probebohrung im Himmel“ erschien 2001. Zuletzt wurde er in diesem Jahr mit dem Mörike-Preis ausgezeichnet. Ebenfalls auf der Shortlist der Leipziger Jury standen in diesem Jahr Teresa Präauer („Johnny und Jean“), Ursula Ackrill („Zeiden, im Januar“), Norbert Scheuer („Die Sprache der Vögel“) und Michael Wildenhain („Das Lächeln der Alligatoren“).

          Lesen Sie hierzu auch unsere Kurzkritiken zu den wichtigsten Romanen des Frühjahrs. Im vergangenen Jahr hatte Sasa Stanisic den Belletristik-Preis für seinen Roman „Vor dem Fest“ erhalten.

          An Philipp Thers Studie „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent (Suhrkamp Verlag), das sich im Untertitel eine „Geschichte des neoliberalen Europa“ nennt und kurz zuvor in der Sparte Sachbuch ausgezeichnet wird, lobt der Kritiker René Aguigah besonders das Changieren zwischen Anschauung und Abstraktion: In diesem großen Panorama der Umbruchzeit von 1989 bis 1991 sehe man sich durch reportierende Einsprengsel etwa an Kioske und Basare von Bratislava bis Kiew versetzt. Ther selbst sagt in seinen Dankesworten, er wolle einen Teil des Preisgeldes Journalistenkollegen im ukrainischen Lemberg zukommen lassen, die Flüchtlinge aus der Ostukraine aufgenommen haben und die Hilfe dringend gebrauchen könnten.

          Ther, geboren 1967, ist Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Zuvor war er unter anderem John F. Kennedy Fellow an der Harvard University. Noiminiert worden waren in der Sachbuch-Kategorie außerdem Philipp Felsch („Der lange Sommer der Theorie“), Karl-Heinz Göttert („Mythos Redemacht“), Reiner Stach („Kafka. Die frühen Jahre“) und Joseph Vogl („Der Souveränitätseffekt“).

          Lesen Sie hierzu auch unsere Kurzkritiken zu den wichtigsten Sachbüchern des Frühjahrs.

          Philipp Ther: „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“. Eine Geschichte des neoliberalen Europa.

          Frenetisch bejubelt wird am ersten Tag der Messe mit dem Länderschwerpunkt Israel der Sieg von Mirjam Pressler in der Kategorie Übersetzung für den Roman „Judas“ von Amos Oz, der gemeinsam mit Pressler sehr gelöst auf die Bühne tritt. Literarische Übersetzung sei, als spiele man ein Violinkonzert auf dem Klavier, sagt Oz, und er wolle an diesem Tag einer großen Pianistin danken. Kritiker Dirk Knipphals bezeichnet „Judas“ anschließend als Buch der Stunde für die konfliktreichen Geschichten rund um Jerusalem und attestiert Presslers Übersetzung einen leichten, manchmal erfrischen altmodischen Klang.

          Pressler, Jahrgang 1940, ist Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Hebräischen, Englischen und Niederländischen. Sie übersetzte unter anderen Aharon Appelfeld, Zeruya Shalev und John Steinbeck.

          Die Preise sind jeweils mit 15000 Euro dotiert.

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