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Lyrik von Marion Poschmann : Wir sollen ein Volk von Parkbesuchern werden

Gottes Gartenberaterin: Marion Poschmann
Gottes Gartenberaterin: Marion Poschmann : Bild: Wonge Bergmann

Den sokratischen Imperativ nennt Hamann einen „Wunsch“. Er „wurde durch die Schöpfung erfüllt, die eine Rede an die Kreatur durch die Kreatur ist; denn ein Tag sagts dem andern, und eine Nacht tuts kund der andern“. Solche Rede ist Marion Poschmanns Dichtung, die es auf die Belebung der Dinge abgesehen hat, und zwar gerade der schäbigen und deplazierten, der renaturierten Versatzstücke unserer totalen Kulturlandschaft, an denen das unbelehrte Auge kein Vergnügen findet. Die über den Globus verstreuten Schauplätze der Lehrgedichte und Elegien, die der Untertitel der Sammlung ankündigt, illustrieren Hamanns Vision der Selbstkultivierung der Schöpfung: „Ihre Losung läuft über jedes Klima bis an der Welt Ende“ - wie ein Lauffeuer verbreitet sich das redselige Leben.

Im Reden, im fortlaufenden Übersetzen von „Gedanken in Worte, Sachen in Namen, Bildern in Zeichen“, kommt es laut Hamann allerdings zu einem Verlust: Es gleicht „der verkehrten Seite von Tapeten“. Die Übersetzung von Poesie in Prosa liefert der Verlustanzeige das Muster. Einem englischen Lehrgedicht über dieses Thema entnimmt Hamann das Bild und die Erklärung: Die Rückseite einer gewirkten Wandbespannung „shews the stuff, but not the workman’s skill“, zeigt die vernähten Fäden, aber nicht die Kunstfertigkeit des Handwerkers. Eine Landschaftspoesie, die Vorderseite und Rückseite ihrer Sujets gleichzeitig sichtbar macht, hebt die Halbierung unserer Weltanschauung auf, indem sie sowohl den in der Natur vorgefundenen Stoff als auch ihre eigene Machart beschreibt. So weit die im Faltengebirge von Marion Poschmanns Buch enthaltene Theorie. Aber wie soll der Dichterin das Kunststück beim Anblick des Fuji geglückt sein?

Die perspektivische Vorderseite

Die Notiz im Kyoto-Kapitel skizziert einen Spaziergang: „Du siehst den Vulkan, seinen Kegel, der raucht. Du bewegst dich gegenläufig zum Schwung dieses Kraters, du möchtest dich gegenläufig zu allem bewegen, was kommt.“ Auch in der Gegenrichtung zum Geläufigen tut sich freilich keine Hintertür ins Ganze auf. Wenn der Wanderer auf der Rückseite des Berges angekommen ist, hat sie sich für ihn in die Vorderseite verwandelt, und die nunmehrige Rückseite ist unsichtbar geworden.

Der Fuji des Gedichts im letzten Zyklus „trug lange Handschuhe aus eleganter / Bewölkung“. Auch Rilke deutet eine Bekleidungsmetapher an: Vor Hokusais Augen stand der Berg als „der mit Umriß angetane“. Marion Poschmann versetzt die Kontur in Bewegung: Aus dem Nebel schält sich die Figur eines Schauspielers, eines Kabuki-Darstellers der legendären Bando-Dynastie. Es bleibt ungewiss und ist gleichgültig, ob der geschminkte, damenhafte Alte die Dichterin an den Fuji erinnerte oder der Berg an den Mimen, ob der Anthropomorphismus der Landschaft das Primäre ist oder die Naturähnlichkeit des Menschen. Er „bewegte den Samtsaum seines Gewandes“. Als die Dichterin sich auf der Reise nach Matsushima fragte, welcher Fuß der Fuji war, hätte sie über den Tänzer schon stolpern können.

Der „schwebende Gipfel“ der Schauspielkunst zog sie und die anderen Umstehenden empor. „Wir waren Lampions um seinen Ruhm.“ Man möchte glauben, Marion Poschmann habe die tektonischen Platten ihrer von den Klassikern geliehenen Landschaften nur aufgeschichtet, um ein solches Bild herrlicher Leichtigkeit steigen zu lassen. Sie versetzt ihre Leser in einen Schwebezustand, in dem wir als glückliche Leuchtpapierkugeln den Orbit ihres Ruhms bilden.

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