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Lyrik von Marion Poschmann : Wir sollen ein Volk von Parkbesuchern werden

Mit der Formel vom Logos creator nimmt Marion Poschmann eine kühne Pointe Hamanns auf: Wenn man den Anfang des Johannesevangeliums beim Wort nimmt, dann ist „der Schöpfer der Welt ein Schriftsteller“. Und Kritiker: Nach getaner Arbeit sah er alles an und sah, dass es gut war. Die Schöpfung, ein Text, ein Sprachpanorama mit dem Paradies in der Mitte. Das zweite und das neunte Gedicht des Kaliningrad-Zyklus zitieren die Stelle aus der „Aesthetica in nuce“, an der Hamann die sprachphilosophischen Konsequenzen seiner Schöpfungslehre ausbuchstabiert. „Rede, dass ich dich sehe!“ Dieses Wort aus den Gesprächen des Sokrates richtet Hamann an die Dingwelt. Hinter dem sokratischen Gesellschaftsspiel, dessen Teilnehmer so lange verborgen sind, wie sie nicht den Mund aufmachen, reißt Hamann einen metaphysischen Abgrund auf: Kann es sein, dass die Dinge unsichtbar sind, wenn sie nicht zur Sprache kommen?

Die Dichterin spricht zunächst die „Tonnen von Knochen“ an, die sie „unter dem Rasen begraben“ wähnt und also tatsächlich nicht sehen kann. Dann bittet sie den Park selbst um Auskunft über die Sehenswürdigkeiten, die ihr vor Augen liegen, das Nebeneinander von Fahrgeschäften und Weltkriegsdenkmälern: „Rede, Park, rede nur, daß ich dich sehe. / Besprich die Relikte, Reliquien“. Besprechen heißt hier zunächst erörtern: Von wem könnte die Besucherin eine kundigere Führung erwarten? Es schwingt aber eine magische Nebenbedeutung mit, etwas wie Beschwören und Verhexen. Ein Zeitgenosse nannte Hamann den Magus des Nordens.

Poschmann als Gartenberaterin Gottes

Im dritten Gedicht übernimmt die Dichterin selbst die Aufgabe des Besprechens; sie stellt sich als „Gottes Gartenberater“ vor. „Lodernde Perlonschals“ anderer Besucherinnen assoziiert sie mit „Flamme und Schwert“, der Bewaffnung des Erzengels Michael, der die Ausweisung der ersten Menschen aus dem Paradies exekutierte. Hamanns Dichtungstheorie wollte die Sprache Adams wiedergewinnen. Gartenberatung ist Verdinglichung, die Dichterin nimmt dem Park, den sie im vorigen Gedicht noch angeredet hat, das Wort aus dem Mund, das Wort, das er ist. „Park ist der Leib des Gedankens“, ein Urwort, erstes Zeugnis der Verkörperung der Ideen: Sprache als Inkarnation.

Die letzte Strophe des neunten Gedichts stellt eine Frage, die Marion Poschmanns Leser auf ihr Werk beziehen werden: „Ist dies jene Kunst, die zugleich auch Natur zu sein scheint?“ Zum Bild der Poesie macht den Kaliningrader Park der prosaische Umstand, dass die Wege aus ihm heraus verbaut sind durch Villen von Privatleuten, „Mauern der Reichen“. Die letzten drei Verse aus Hamanns Stadt: „Jeder Park voll Vertriebener, Heimweh nach Eden. / Die Leere und ihre Vergehen. So rede, Leere, ich sehe / dich nicht.“ Die Dichterin macht zum Schluss die Probe, ob Hamanns Zauberspruch auch auf das Nichts wirkt, das Gegenteil der Welt.

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