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Porträts : Reich-Ranickis deutsche Erzähler

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Sie küssten und sie schlugen sich: Günter Grass und Reich-Ranicki Bild: picture-alliance / dpa

Neunzig Erzähler versammelt Marcel Reich-Ranicki in der zweiten Lieferung seines deutschen Literaturkanons. Jeden hat er porträtiert: Kurzcharakteristiken, die schlaglichtartig Person und Werk auf den Begriff bringen.

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          Neunzig deutsche Erzähler versammelt Marcel Reich-Ranicki in der zweiten Lieferung seines Kanons der deutschen Literatur. Jeden einzelnen, von Goethe bis Christoph Ransmayr, hat er auf wenigen Zeilen porträtiert: Kurzcharakteristiken, die schlaglichtartig Person und Werk auf den Begriff bringen. Über dreißig dieser Skizzen stellt das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Samstag vor, acht davon präsentieren wir auf FAZ.NET. Der Kanon, der 180 Erzählungen in zehn Bänden umfaßt, erscheint in diesen Tagen. (F.A.Z.)

          Von Marcel Reich-Ranicki

          Johann Wolfgang Goethe

          Er war ein Dichter und ein Gelehrter, ein Artist und ein Naturwissenschaftler, ein Träumer, ein Visionär und doch ein Realpolitiker. Er war ein passionierter Theoretiker und zugleich ein unermüdlicher Praktiker. Er liebte die Klarheit und verteidigte die Dunkelheit. Er schätzte das Vornehme und das Aristokratische, ohne sich gegen das Plebejische und das Derbe zu sperren und ohne das Vulgäre zu verachten. Er beherrschte die unterschiedlichsten Stile, er versuchte sich in allen Formen und Gattungen: Nichts Literarisches war ihm fremd, nichts Künstlerisches gleichgültig. Er war ein Neuerer und ein Vollender.

          Heinrich Heine

          Er hat die Sprache der Lyrik und der Prosa erneuert, er hat sie entrümpelt und verschlankt und damit die Voraussetzung für die Demokratisierung der Literatur geschaffen. Er ließ die Naivität des deutschen Volkslieds wiederaufleben, er scheute weder Pathos noch Sentimentalität - und er hat alles mit Ironie und Humor relativiert und kritisiert. Ein passionierter Skeptiker war er und ein skeptischer Provokateur. Scheinbar mühelos gelang ihm, was bei uns immer Seltenheitswert hat: die Synthese aus Witz und Weisheit, Charme und Scharfsinn, Gefühl und Grazie. Ihm ist geglückt, was Europa den Deutschen kaum mehr zutraute: ein Stück Weltliteratur in deutscher Sprache.

          Thomas Mann

          Seine Romane und Novellen bilden ein mit größter Liebe gezeichnetes und mit schärfstem Kritizismus beglaubigtes, ein in sich geschlossenes, ein vollkommenes Universum, in dessen Mittelpunkt als Gegenfigur zur bürgerlichen Gesellschaft der auf Irrwege geratene Bürger steht, der, ein Schriftsteller oder Künstler, sich als des Lebens Sorgenkind erweist. Zu den wichtigsten Elementen dieser Epik von unvergleichlicher Virtuosität gehören neben der psychologischen Analyse Ironie, Humor und Parodie. Es war ihm gegeben, ungeahnte Möglichkeiten der deutschen Sprache zu entdecken, die er entwickelt, verfeinert und bereichert hat wie vor ihm nur Goethe.

          Franz Kafka

          In seinen Romanen und Erzählungen war Kafka seiner Epoche vorausgeeilt. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod, als sich die Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft weitgehend verändert hatte, vermochte man zu erkennen, daß die zunächst nur auf eine spezifische Prager Konstellation zu beziehenden Geschichten vom Schicksal der Ausgestoßenen und Angeklagten klassische Parabeln der Heimatlosigkeit und der Entfremdung sind. Die von Kafka dargestellte Tragödie der Juden wurde von späteren Lesern als Extrembeispiel der menschlichen Existenz verstanden.

          Gottfried Benn

          Das Werk dieses Lyrikers, Novellisten und Essayisten zeugt sowohl von einem starken poetischen Talent als auch vom bürgerlichen Beruf des Autors: Die Medizin bestimmte in hohem Maße seine Weltsicht, zumal im bedeutenden Frühwerk, das von Visionen der Krankheit, des Verfalls und der Verwesung beherrscht wird und in dem oft die medizinische Terminologie auffällt. Man hielt ihn für einen Zyniker, man warf ihm Nihilismus vor. Doch hinter seinem Gestus verbarg sich, zumal in melodischen, formvollendeten Gedichten, die Sehnsucht nach Liebe.

          Bertolt Brecht

          Er wurde, was ihm schon in seiner Jugend als Aufgabe und Ziel vorschwebte: ein Klassiker. Er hat das Jahrhundert in die Schranken gefordert - mit einem unvergleichlichen dramatischen Werk, das vom Expressionismus über die Dreigroschenoper, die Oper Mahagonny und die Lehrstücke zu großen ideologischen Stücken des Exils und seiner Spätzeit führt. Den Bühnenwerken verdankte er seinen Weltruhm. Doch zugleich war er ein genialer Lyriker. Den Lesern, die den Rilkeschen Rhythmus im Blute hatten und die Georgesche Melodie im Ohr, vermochte er zu beweisen, daß die Synthese von Dichtung und Intellekt nicht nur nötig, sondern auch möglich sei, daß also der Gesang vernünftig und die Vernunft poetisch sein kann.

          Günter Grass

          Ein Epiker und Lyriker, der in seinen Romanen und Gedichten vom Reiz des Prosaischen fasziniert ist und es zum Poetischen erhebt. Hier wie da macht er die Skurrilität des Alltäglichen sichtbar und das Absurde im Gewöhnlichen. Er ist ein grimmiger Idylliker, ein sarkastisch-aggressiver Heimatdichter, der die Welt (vorwiegend die kleinbürgerliche) mit einem ganz und gar unbelasteten und von Vorurteilen freien Blick betrachtet. Seine Romane sind satirische, zeitkritische Gemälde, in denen nicht Konflikte und Probleme dominieren, sondern Bilder und Visionen. Diese Epik zeugt von ungewöhnlicher sprachlicher Kraft, von der Lust am Fabulieren und von einer erstaunlichen Phantasie.

          Christa Wolf

          Sie repräsentiert die Generation, die kurz nach 1945 in der Sowjetzone enthusiastisch die Morgenröte einer neuen Zeit begrüßte und glaubte, den Sturm der Revolution entfesseln zu können - und die sich sehr bald mit dem grauen Alltag in Leipzig und Ostberlin, mit dem Mief der DDR abfinden mußte. So steht im Mittelpunkt ihrer Romane und größeren Erzählungen, wo und wann immer die Handlung spielt, die Frage nach der Selbstverwirklichung der Persönlichkeit und die Wechselbeziehung zwischen dem einzelnen und der Gesellschaftsordnung.

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