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Popmusik im Kalten Krieg : Auf der Mauer gegen die Mauer

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Die FDJ bei den Weltjugendspielen, Ost-Berlin 1973 Bild: picture-alliance / akg-images

Joachim Hentschels packendes neues Buch „Dann sind wir Helden“ erzählt deutsch-deutsche Popgeschichten im Kalten Krieg. Es kommen Radio-DJs, Kultursekretäre, windige Labelchefs und Fans zu Wort – manchmal auch in Personalunion.

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          Der Konzertveranstalter Marcel Avram kennt sich mit luxuriösen Gagen aus. In den Achtzigerjahren betreute er Superstars wie Michael Jackson oder Prince, sechsstellige D-Mark-Beträge waren an der Tagesordnung. Doch in der DDR lief es anders. Ein Klavier war Avram versprochen worden für ein Konzert des nächsten amerikanischen Superstars jener Zeit, Bruce Springsteen. Stattdessen bekam Avram zweihundert Dosen Kaviar, „zu viel zum Selbstessen und Verschenken, aber auch wieder zu wenig, um damit einen eigenen kleinen Import-Export-Handel zu eröffnen. Den größten Teil muss er später ins Klo kippen.“

          Perlen vor den Abfluss also – und ein Beispiel für die absurden Verflechtungen zwischen Politik, Profit und Kultur. Gerade zu jener Zeit, gerade in Ost-West-Beziehungen. Es ist nur eine von vielen Anekdoten, die Joachim Hentschel in seinem neuen Buch „Dann sind wir Helden“ erzählt. Darin analysiert der Autor, so der Untertitel, „wie mit Popmusik über die Mauer hinweg Politik gemacht wurde“. Das schwarz-weiße, mit gelben Akzenten versetzte Cover, der fast feierliche Titel – das Buch kommt weniger knallig daher als Hentschels Vorgänger „Zu geil für diese Welt“, ein Rave-Ritt durch die Neunzigerjahre. Es geht jetzt auch nicht mehr wie damals um Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, sondern um: Lizenzverträge, Kulturabkommen and Devisenbudgets, und das auf vierhundert Seiten. Warum also macht es so viel Spaß, das zu lesen?

          Es liegt einerseits an der Materie selbst: Pop, Rock und was die Musik mit den Menschen macht, das ist kaum zu planen. Nicht im Westen, wo das berüchtigte Konzert der Rolling Stones im September 1965 für Krawalle auf den Rängen und Schnappatmung in den Redaktionen sorgte. Und schon gar nicht im Osten, wo sich das behördliche Hin und Her – dürfen die Kölschrocker von BAP und Udo Lindenberg nun DDR-Tourneen spielen oder nicht? – durch Hentschels souveräne Erzählung liest wie ein Krimi. Lindenberg durfte trotz Sticheleien gegen Honecker in seinem Hit „Sonderzug nach Pankow“ zumindest einmal im Ost-Fernsehen auftreten. Aus der Tour aber wurde nichts, auch nicht aus der von BAP.

          Joachim Hentschel, „Dann sind wir Helden. Wie mit Popmusik über die Mauer hinweg deutsche Politik gemacht wurde“. Rowohlt, 414 Seiten, 26 Euro.
          Joachim Hentschel, „Dann sind wir Helden. Wie mit Popmusik über die Mauer hinweg deutsche Politik gemacht wurde“. Rowohlt, 414 Seiten, 26 Euro. : Bild: Rowohlt Verlag

          Für surreale Elemente sorgte das Politbüro gelegentlich selbst. Ost-Bands wie City und Karat mussten sich zunächst vor Arbeitern an den Ölpipelines in der kasachischen Steppe beweisen, bevor an Auftritte in Paris oder Düsseldorf überhaupt zu denken war. Auf ein anspruchsvolles Publikum waren sie nach dem Besuch an der Trasse bestens vorbereitet: „Kam die Musik nicht so gut an, sollen die Zuhörer manchmal das Stromkabel zur Bühne durchgehackt haben.“

          Das Musikbusiness an der Mauer war ein Balanceakt für diejenigen, die gegen sie anspielten und gleichzeitig auf die Gunst der Politelite angewiesen waren. Doch auch die bewies ideologische Flexibilität. Manchmal buddelten sich übereifrige Zensoren so tief in parteipolitische Gräben, dass „auch der läppischste Schlager und der tatsächlich größte Schund zur Staatsaffäre wurden“. Die Tantiemen des 1976 ausgebürgerten Sängers und Poeten Wolf Biermann strich man trotzdem weiter gern ein.

          Merkels Zapfenstreich

          Ein Großteil dieser Kulturgeschichte erschließt sich nicht über Musiker oder Politiker, sondern über ihre Zwischenmänner. Hentschel interviewte gewitzte Radio-DJs, Kultursekretäre, windige Labelchefs, Fans, manchmal auch in Personalunion. Frauen spielten in der Branche eine Nebenrolle, in erster Linie wurde den West-Künstlern eingebläut, sich in der DDR ja nicht zu verlieben. Doch der Autor verschafft den Frauen Raum. Er porträtiert Katja Ebstein und Aurora Lacasa, und der Ohrwurm „Tina“ von Mona Lise, der ersten rein weiblich besetzten Punkband, wird vollkommen zu Recht gewürdigt. Das Buch endet ganz gegenwärtig mit Nina Hagen, Micha und dem Farbfilm bei Angela Merkels Zapfenstreich.

          Hentschel manövriert sein Publikum durch gewaltige Materialmengen und ist dabei, im besten Sinne, ein Erzähler: Er führt Figuren ein, seien sie für Insider noch so selbstverständlich, spielt mit Spannung, Timing und Sprache. Da wird „umständlich wegregiert“, das Drama um Lindenbergs dann doch nicht genehmigte Tour wird in einen klassischen Fünfakter verwandelt. Das Interesse am Thema und die Freude daran, mitreißend zu formulieren, ist spürbar. Hentschel hält die Balance zwischen Flapsigkeit und Ernst, zumindest fast. Eine Ausnahme ist der Besuch bei Diether Dehm, früher Bundestagsabgeordneter der Linken, Medienproduzent, Vielfach-Querdenker und Putin-Kumpel. Der süffisante Homestory-Ton klingt in Anbetracht des Krieges gegen die Ukraine, der im Buch mehrfach erwähnt wird, etwas daneben.

          Der Titel „Dann sind wir Helden“, angelehnt an die halb tot gespielte deutsche Version der Bowie-Hymne „He­roes“, klingt nicht mehr feierlich, sobald das Buch ausgelesen ist. Denn: Wer spricht da? Helden der Arbeit? Des Kalten Kriegs? Oder geht es einfach um Rockstars, getragen von Hunderten Fanhänden? Waren es am Ende wirklich die Bassgitarren der Gruppen aus West und Ost, die das Mauerwerk zum Bröckeln brachten?

          Joachim Hentschels Interviewpartner sind sich unschlüssig, der Autor legt sich selbst nicht fest. Stattdessen präsentiert er ein Episodenmosaik, das Platz für Mehrdeutigkeiten lässt und dem Gehalt von zweihundert Kaviardosen in nichts nachsteht.

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