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Plagiatsfall Helene Hegemann : Germany’s Next Autoren-Topmodel

Plagiieren als Kunstform: Hegemann nahm das Stilprinzip der Schriftstellerin Kathy Acker zum Vorbild Bild: © Kathy Brew

Hat Helene Hegemann selbst geschrieben oder nur selbst abgeschrieben? Ihr Roman „Axolotl Roadkill“ dokumentiert weit über Plagiatsfragen hinaus die Verkommenheit des Betriebs, der sie feiert.

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          „Besonderen Dank an Kathy Acker.“ Als Kathy Acker starb, 1997, war die Autorin, die sich da bei ihr bedankt, fünf Jahre alt. Es ist also nicht nur ein posthumer, sondern ein auf Lektüre beruhender Dank, den Helene Hegemann am Ende ihres Buches „Axolotl Roadkill“ abgestattet hat. Er gilt einer Schriftstellerin, die nicht nur durch die Drastik ihrer sexuellen Darstellungen bekannt wurde, sondern auch durch ihr Plädoyer für ein ganz hemmungsloses Plagiieren als eigene Kunstform, eine Praxis, von der sie auch selbst Gebrauch machte und dafür vor Gericht gezogen wurde.

          Inzwischen existiert eine Liste derjenigen Schriftsteller, bei denen sich Helene Hegemann erst einmal nicht dafür bedankt hat, wortwörtlich oder fast wortwörtlich auf deren Werke zugegriffen zu haben. Das geschieht, nachdem im Internet eine Quelle von „Axolotl Roadkill“ – das als originelles Wort der Jugend von heute, jedenfalls der vom Prenzlauer Berg, gefeiert wurde – nach der anderen benannt wird. Selbst für die Inspiration zum Titel hat sich in aller Form ein Blog, „Iguana/Roadkill“, gemeldet: Vom Leguan zum Schwanzlurch ist es nur ein Dichterschritt.

          Die Liste reicht von Malcolm Lowry – für den ersten Satz des Buches – und David Foster Wallace über Rainald Goetz und den Blogger Airen bis zu Kathy Acker. Sie stammt von Hegemann selbst; der Ullstein Verlag, bei dem das Buch herausgekommen ist, will sie bald veröffentlichen. Wohl auch, um der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse entgegenzukommen, die am Donnerstag den ersten Kreis der Kandidaten verkünden will und noch unter gewissermaßen naiven Lektüreumständen beschlossen hatte, „Axolotl Roadkill“ in engste Erwägung zu ziehen.

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          Das „echte Leben“

          Man muss solche Umstände erwähnen, um dem Phänomen näherzukommen, mit dem man es hier zu tun hat. Denn es handelt sich um ein Phänomen der Literatur vor allem insofern, als auch Literatur auf einen Markt kommt, Vorschüsse erzielt, der Reklame bedarf und zwar um so mehr, je schneller man mit ihr durch ist. Die größten Werbekampagnen finden oft für Bücher statt, die nicht als individuelle Hervorbringungen, sondern als Exemplare einer Gattung und als Erzeugnisse einer Industrie gelesen werden.

          Hier aber soll es angeblich um ein Individuum gehen, um das Leben selber, das echte, das in Exzessen, Verzweiflungen, Euphorien und Zynismen eines Szene-Mädchens vermutet wird: Ich-Perspektive, Tagebuch, fürs Gerücht ausreichende Anlehnungen an die eigene Biographie und das Hintergrundwissen über das Alter der Autorin, die sich all die schalen Orgien ja nicht als neue Flaubertine über Jahre hinweg angelesen haben kann – weil sie ja noch nicht so lange liest. Und jetzt das! Das meiste nur aus zweiter Hand? Womöglich selbst die schlimmsten Stellen nur Literatur?

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