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Piotr Siemion : "Die polnische Hilfe war nicht persönlich gemeint"

  • Aktualisiert am

Piotr Siemion lebt in Warschau. Bild: Verlag

Die Polen haben sich im Irak als einer der zuverlässigsten Verbündeten Amerikas erwiesen, der auch in geringem Umfang mit Kampftruppen beteiligt war. Der 1961 in Breslau geborene Autor und Rechtsanwalt Piotr Siemion äußert sich im Interview über Saddams Sturz, den polnischen Beitrag zum Krieg und den Mythos vom Freiheitskampf.

          Die Polen haben sich im Irak als einer der zuverlässigsten Verbündeten Amerikas erwiesen, der auch in geringem Umfang mit Kampftruppen beteiligt war. Der 1961 in Breslau geborene Autor und Rechtsanwalt Piotr Siemion ist ein guter Kenner Amerikas, er studierte und arbeitete lange Zeit in New York. Er wurde auch in Deutschland mit seinem Wenderoman "Picknick am Ende der Nacht" (2000) bekannt und lebt heute in Warschau. F.A.Z.

          Welche Gefühle stellen sich bei Ihnen ein, wenn Sie die Bilder jubelnder Iraker sehen?

          Weil ich unter dem Kommunismus aufgewachsen bin, habe ich gelernt, solchen Bildern zu mißtrauen. Also ist meine erste Reaktion Schulterzucken. Aber dann erinnere ich mich auch an die jubelnde Menge auf der Berliner Mauer 1989 und denke: "Das kann nicht alles Propaganda für die Kameras sein. Vielleicht liegt in diesen Menschen eine echte Hoffnung."

          Sind Sie stolz darauf, daß Polen Teil der Allianz ist, die Saddams Regime beendet hat? Sollten die Iraker Präsident Kwaniewski dankbar sein?

          Nein, eine symbolische Truppe von zweihundert Mann ist nur ein Mittel der Propaganda. Das wird den Irakern völlig egal sein. In den polnischen Medien spekuliert man schon über Aufträge beim Wiederaufbau des Iraks, die an gute Freunde der Amerikaner wie Polen erteilt werden könnten. Obwohl man hierzulande versteht, warum polnische Truppen im Irak sein müssen, kann ich dabei keinerlei patriotische Gefühle erkennen.

          Teilen Sie die Sicht von György Konrad, daß die Osteuropäer durch ihre historische Erfahrung mit dem Totalitarismus die anglo-amerikanische Politik besser verstehen können?

          Das ist eine allgemeine Wahrheit, die auf konkrete Fakten bezogen werden muß. Saddam Husseins Regime war offensichtlich totalitär, aber "Befreiung des Iraks" ist ein verdächtiger Ausdruck. Man muß unterscheiden, ob man die Ungarn oder die Polen von den Sowjets befreit oder die Sowjets von sich selbst. Am Ende haben sich Polen und Ungarn ohne Hilfe amerikanischer Truppen befreit, und sie wußten immerhin, daß sie Freiheit wollten. Ob die Iraker befreit werden wollten und die Ankunft der amerikanischen Kavallerie sehnsüchtig erwarteten, ist eine andere Frage.

          Wie beurteilen Sie als Jurist, der längere Zeit in Amerika gearbeitet hat, die Legitimation des Krieges?

          Das Völkerrecht ist eine relativ neue Institution. Es kann zu widersprüchlichen Zwecken angewendet werden, etwa um "Befreiung" zu legitimieren oder aber umgekehr die "unverletztliche Souveränität" von Diktatoren für Jahrzehnte aufrechtzuerhalten. Was diesmal auffiel, war das komplette Ausbleiben einer rechtlichen Bemäntelung auf amerikanischer Seite. Als ob die Amerikaner, die normalerweise sehr legalistisch orientiert sind, es diesmal "einfach getan haben", ganz wie in dem Slogan der Nike-Werbung: "Just do it."

          Sind die Regierungen, die, wie Frankreich und Deutschland, gegen den Krieg waren, nun eines Besseren belehrt worden?

          Ich kann verstehen, daß sich Europa und speziell Deutschland eher widerstrebend verhalten, wenn es darum geht, jemandem die Haustür einzutreten. Warum aber sollte der Erfolg einen falschen Krieg nachträglich zu einem richtigen machen? Kriege sind falsch, und dennoch sind sie manchmal notwendig - so habe ich es gestern meinem zehnjährigen Sohn erklärt. Frankreich und Deutschland haben diese Notwendigkeit nur anders wahrgenommen als Amerika und Großbritannien.

          Glauben Sie, daß die polnische Tradition des Freiheitskampfes eine Rolle bei der Haltung des Landes spielt?

          Das moderne Polen hat seine Traditionen einer Revision unterzogen und folgt dem globalen Trend. 1956 war das letzte Mal, daß wir Freiwillige hatten, die kämpfen wollten - als die Sowjets Budapest "befreiten". Dieses Mal war es eine Art Nachbarschaftshilfe. Die Vereinigten Staaten sind Polens globaler Nachbar und haben uns um Hilfe gebeten. Wir konnten nicht viel tun, aber immerhin. Mit Freiheitskampf hatte es diesmal rein gar nichts zu tun. Es war nichts Persönliches, nur ein Geschäft.

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