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Arm oder reich? : Gleichheit als gefährliches Ideal

  • -Aktualisiert am

Reich aber nicht unbedingt schön: Ladies in Kitzbühel Bild: Toni Anzenberger / Anzenberger

Der Philosoph Harry G. Frankfurt hat kein Problem mit der Ungleichheit. Entscheidend sei nicht, dass jeder dasselbe hat, sondern dass jeder genug hat.

          Die Bettler sitzen den ganzen Tag dort, wo Leute ihr Geld für Dinge, die sie brauchen oder nur haben wollen, ausgeben möchten, ohne dass sie dabei von Mitmenschen gestört werden, die nichts anderes machen, als von ihnen das zu fordern, was einer nach Ansicht derer, die es haben, sich verdienen muss: Geld und ein gutes Leben. Jemand sei zufrieden, meint der Philosoph Harry G. Frankfurt, wenn er sich über seine Lebensumstände nicht ärgert, wenn er nicht versucht, sie zu verbessern. Kann einer sein Leben und damit sich selbst einfach ändern? Den Beruf wechseln? Bei gleichem Lohn weniger arbeiten? Noch einmal von vorne anfangen? Gleichheit als solche, worin immer sie sich durchsetzen soll, meint Harry G. Frankfurt, sei nicht erstrebenswert.

          Das Herz für Fremde ist nicht besonders groß, es geben nicht immer dieselben jeden Tag einem Bettler Geld. Wie lange hält das gute Gefühl an, etwas geschenkt zu haben, wie oft überwiegt es die Skepsis vor der Not? Wenn es einem schlechter geht als anderen, sagt Frankfurt, bedeutet das nicht, dass es einem schlechtgeht. In Notlagen, wie sie wegen der Flüchtlinge entstanden sind, verschieben sich die Parameter der Güte und des Mitgefühls, das lehrt ein Blick auf die vielen ehrenamtlichen Helfer, die Deutschstunden geben, Patenschaften übernehmen, Kleidersammlungen organisieren und Essen austeilen. Aus moralischer Perspektive, bestätigt Harry G. Frankfurt den großen Einsatz beschränkter Mittel, sei nicht entscheidend, dass jeder dasselbe hat, sondern dass jeder genug hat. Wachsen aber nicht die individuellen Bedürfnisse mit den allgemeinen Möglichkeiten?

          Glück hängt nicht vom Geld ab

          Das Geld ist, das merkt jeder, der es nicht im Überfluss besitzt, rasch weg und reicht nie für all das, was einem in die Augen fällt. Frankfurt findet, dass das Glück nicht davon abhängt, dass jeder gleich viel Geld hat. Jeder sollte lieber realistisch einzuschätzen lernen, „wie sehr sein Lebensweg seinen individuellen Fähigkeiten entspricht, seine besonderen Bedürfnisse befriedigt, seine besten Potentiale zur Entfaltung bringt und ihm das bietet, was ihm wichtig ist“. Ein solcher Weg zu sich selbst kann sich hinziehen. Wie eine Krankenschwester in der Zwischenzeit mit den eigenen unerfüllten Wünschen und dem erhaltenen Lohn auf zufriedenstellende Weise klarkommen soll, sagt Harry G. Frankfurt nicht.

          Wer andererseits zu dieser erlösenden Selbsterkenntnis nicht fähig ist und seine Lage nicht ändern kann, der muss sich keine Sorgen machen, dass er mit sich gescheitert sei: „Wenn jemand seine Absichten und Wünsche seinen Lebensumständen angepasst hat, ist das kein Beweis dafür, dass etwas schiefgelaufen ist in seinem Leben.“ Aber vielleicht ist es ein Beweis dafür, dass er das Wünschen nie gelernt oder aufgegeben hat?

          Harry Gordon Frankfurt

          Manche erwarten von einem Armen, dem sie einen Euro in die Hand drücken, dass er das Geld nicht versäuft, als hätten sie in seine Zukunft investiert und dürften mit dem Recht eines Aktionärs davon ausgehen, dass er sich jetzt Gedanken darüber macht, wie er seine Potentiale zur Entfaltung bringt. Wir geben so viel Geld, wie nötig ist, um unser Gewissen zu beruhigen, indem wir uns sagen, dass a) wir nicht die Einzigen seien, die Geld geben können, b) jeder letztendlich selbst versuchen müsse, wieder auf die Beine zu kommen, c) nicht allen Notleidenden geholfen werden könne und d) Leben eben auch Schicksal sei. Wir akzeptieren die Ungleichheit, dass nicht alle ein gleich gutes Leben haben, als Grundlage unserer gelegentlichen und kostengünstigen Korrektur eines extremen Mangels an Geld und Glück.

          Gibt es jemanden, für den Gleichheit an sich (alle haben gleich viele Schuhe, gleich viel Hunger, gleich viel Freude) wünschenswert ist? Harry G. Frankfurt redet über Gleichheit und Ungleichheit nicht in Hinblick auf etwas, das den beiden Wörtern als Staat, Wirtschaftsweise, Lebenshaltung vorausgeht, zum Beispiel dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die ungleiche Verteilung von Geld und Besitz als Ausdruck von unter den Menschen ungleich vorhandenen (Begabung, Fähigkeiten, Eignung) oder ungleich geförderten (Wissen, Bildung, Leistungswille) Ressourcen gilt.

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