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Charlie-Hebdo-Anschlag : Einbruch der Gewalt

„Den Mann, der ich vor dem Anschlag war, gibt es nicht mehr“: Philippe Lançon Bild: Annette Hauschild

Der französische Journalist und Schriftsteller Philippe Lançon hat am 7. Januar 2015 in Paris das Attentat auf „Charlie Hebdo“ überlebt. Und er hat um sein Leben geschrieben: „Der Fetzen“ heißt sein beeindruckendes Buch.

          Die Heldin dieses Buchs, das kein Roman und doch ergreifender, dichter und literarischer ist als so viele der neuen Romane dieses Frühjahrs, ist eine Frau. Chloé heißt sie oder, wie Philippe Lançon, dessen Leben von ihr abhängt, sie besitzergreifend nennt: „meine Chirurgin“. Eine energische junge Ärztin, ironisch, fast heiter inmitten des Desasters; eine „unvollkommene Fee“, die Emphase und Sentimentalität verabscheut und ihr Leben im OP verbringt.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist der 6. Januar 2017 gegen zehn Uhr. Philippe Lançon sitzt Chloé im Sprechzimmer der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Pariser Salpêtrière gegenüber. Er kennt sie kaum, doch hat sie in seinem Leben eine übertriebene Bedeutung angenommen. Draußen ist ungefähr das gleiche Wetter wie damals vor zwei Jahren, grau und frisch, als er nach dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Krankenwagen hierhergebracht wurde. Philippe Lançon hat überlebt. In den Sekunden nach dem Attentat, während er zwischen den toten Freunden und Kollegen lag, war es ihm gelungen, sein Handy aus der Jackentasche zu holen, das Passwort einzugeben und sich durch die Kontaktliste bis zu dem Namen seiner Mutter zu scrollen, die unter „Madre“ gespeichert war, als er sein Gesicht auf dem Display entdeckte. Haare, Stirn, der Blick, die Nase, Wangen und Oberlippe – das alles war in Ordnung und unversehrt. Doch anstelle des Kinns und der rechten Seite seiner Unterlippe klaffte „ein Krater aus zerstörtem, herabhängendem Fleisch“.

          „Das, das ist eine Kriegsverletzung!“, schrie der Mann in Uniform, wahrscheinlich ein Feuerwehrmann, vor dem später die Trage abgestellt wurde, auf die man ihn gelegt hatte. „Das Wort explodierte und hallte nach wie ein vertrautes und doch fremdes Echo einer Geschichte, die über mir zusammenbrach, ohne mir zu gehören“, schreibt Lançon. „Les Gueules Cassées“, die „zerfetzten Gesichter“, eigentlich die „zerschlagenen Fressen“, wurden die Gesichtsverletzten des Ersten Weltkriegs genannt. Philippe Lançon ist ein Kriegsopfer zwischen Bastille und République, ein paar Häuserblocks von der russischen Buchhandlung, dem italienischen Lebensmittelladen und dem Gebäude der Zeitung „Libération“ entfernt, deren Redaktion er angehört. Hundert Meter von der Bäckerei, wo er sich nach der Mittwochsbesprechung bei den Kollegen von „Charlie Hebdo“ manchmal ein Croissant kaufte.

          Chloé ist in der Salpêtrière für die Rekonstruktion seines Gesichts zuständig. Als er im Januar 2017 vor ihr sitzt, beginnt eine neue Etappe dieser Rekonstruktion. „Für den Chirurgen“, hatte sie ihm eines Abends kurz nach dem Attentat in seinem Zimmer gesagt, „besteht die Versuchung darin, so weit wie möglich zu gehen, sich mit jeder Veränderung dem idealen Gesicht anzunähern.“ Natürlich gelinge das nie, man müsse aufhören können. Bei einem Buch sei das genauso, hatte er, der Journalist und Schriftsteller, ihr damals geantwortet. Man versuche das, was man schreibt, mit dem, was man sich vorgestellt hat, in Übereinstimmung zu bringen, aber es werde nie ganz deckungsgleich, und irgendwann komme der Zeitpunkt, wo man, genau wie sie sage, aufhören können muss.

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