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Peter Wapnewski zum Neunzigsten : Uns ist in alten mæren

Lust an der Forschung und Liebe zur Lehre: Peter Wapnewski Bild: Jürgen Bauer

Mit ihm kommt man ohne Schwellenangst ins Mittelalter: Der Mediävist Peter Wapnewski wusste Erkenntnis und Vermittlung des Erkannten stets zu verbinden. An diesem Freitag wird er neunzig Jahre alt.

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          Unter den Gedichten, die Peter Wapnewski für die „Frankfurter Anthologie“ dieser Zeitung interpretiert hat, ist auch das anonym überlieferte „Dû bist mîn, ich bin dîn“, ein Sechszeiler, ganz sicher eines der schönsten Liebesgedichte der deutschen Sprache. Und ein harter Brocken für jeden, der sich seiner annimmt, gerade weil die sechs Zeilen so schlicht daherkommen: Du gehörst mir, ich gehöre dir, und so soll das auch bleiben - muss man dazu noch irgendetwas erklären? Wapnewski aber stellt sich der selbstgewählten Aufgabe, indem er sich dem mittelhochdeutschen Gedicht über seinen lateinischen Kontext nähert, auf die feinen Verbindungen zwischen den Briefen, in die jene Verse eingebettet sind, und dem Gedicht selbst verweist und schließlich dessen Struktur in den Blick nimmt. Sie nimmt, schreibt der Interpret, das Bild vom Herzensschlüssel wieder auf, das im Gedicht gebraucht wird: „Die Strophe als Bild des durch ihre Worte gesagten. Das ist Anfang und Ende aller Lyrik.“

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn es unter den Zeitgenossen einen deutschen Mediävisten von Rang gibt, der in sich die Lust an der Forschung und die Liebe zur Lehre aufs allerschönste vereint, dann ist es Peter Wapnewski. Erkenntnis und Vermittlung des Erkannten geht bei ihm Hand in Hand. Der in Kiel geborene Germanist ging bereits 1949 in seiner hamburger Dissertation der Frage nach, auf welche Weise mittelhochdeutsche Lyrik im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert einem Lesepublikum präsentiert wurde, das nicht nur die Originalsprache nicht mehr beherrschte, sondern ständig Gefahr lief, „êre“ mit „Ehre“ zu verwechseln, „âventiure“ mit „Abenteuer“ oder „urloup“ mit „Urlaub“. Wapnewski habilitierte sich 1954 in Heidelberg mit einer Arbeit zu Wolframs Parzivâl, lehrte in Harvard (und lehnte anschließend einen Ruf dorthin ab), wurde Professor in Heidelberg, Berlin und Karlsruhe, bis er 1980 wiederum in Berlin als Gründungsrektor das Wisssenschaftskolleg mit aus der Taufe hob.

          Ein pädagogisches Abenteuer

          Dabei beschränkte sich Wapnewski nie auf die Altgermanistik, auch wenn er außerhalb dieses Fachs im engeren Sinn mit Richard Wagner einem der großen Vermittler mittelalterlicher Literatur zahlreiche Publikationen widmete. Und wer das Glück hatte, seine mehrteiligen Radiosendungen zu verfolgen, in denen er mit großer Musikalität Wagners Welt erläuterte, wer seine Hörbücher zum „Nibelungenlied“ oder zum „Parzivâl“ rezipierte, der erlebte einen ebenso durchdachten wie behutsamen Zugriff auf eine Materie, die weder ihrer Komplexität beraubt noch künstlich verdunkelt wurde und also die beiden Klippen souverän umschiffte, an der andere Herolde des Mittelaltes scheitern.

          Denn dieser Autor wendet sich an ein Publikum, das ruhig unvorbereitet sein darf, solange es die Bereitschaft zum Zuhören mitbringt und die Aufmerksamkeitsspanne, die ein solches Unternehmen verlangt. So wie der Nibelungenlied-Sänger seinen Hörern zu Beginn verheißt, es sollte nun „wunder hoeren sagen“, und sie dann mitten hinein ins Geschehen führt, so gelingt es Wapnewski in seinen Büchern und Sendungen von Anfang an, die Erwartung auf ein pädagogisches Abenteuer zu wecken. Wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt. In seinen Erinnerungen, die in zwei Bänden unter dem Titel „Mit dem anderen Auge“ erschienen sind, beschreibt er in einer Reihe hübscher Miniaturen mit großer Sympathie diejenigen, die ihm Weggefährten waren und sind. Am 7. September feiert Peter Wapnewski seinen 90. Geburtstag.

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