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Neues von Sloterdijk : Kritik der prophetischen Vernunft

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Seine Themen sind die der Gegenwart: Der Philosoph Peter Sloterdijk. Bild: dpa

Das Erdenbürgertum muss die Sonne neu interpretieren: Peter Sloterdijk blickt zurück auf das zwanzigste Jahrhundert - und nach vorn auf die nächsten Weltalter.

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          Der Titel von Peter Sloterdijks neuem Buch weckt die Erwartung einer übergreifenden Deutung des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Essays und Vorträge, die der Band versammelt, sind jedoch eher eine kreisende Sammlung von idiosynkratisch-philosophischen Gedanken über Mensch und Umwelt mit Blick auf die Zukunft. Wie man es von Peter Sloterdijk gewohnt ist, sprudeln die Metaphern und Neologismen, und sie verbinden sich mit unkonventionellen Assoziationen, überraschenden Analogien und originellen Perspektiven.

          Dabei geht es um nicht weniger als „Weltalter“ und „Gigantenkämpfe“ im einundzwanzigsten Jahrhundert, dem recht eindeutige Prognosen gestellt werden: ein aus aktueller Beobachtung vielleicht schlüssiger, in langer Perspektive freilich weniger eindeutiger Übergang vom Weltalter der „Gesellschaft der dichten Container“ zu Gesellschaften der schwachen Grenzen und durchlässigen Außenhäute oder auch eine kurzfristig negative, längerfristig jedoch positive Entwicklung der Selbstdomestikation der Menschheit. Dem erfahrungsbedingt vorsichtigen Historiker ringt das ebenso viel Bewunderung wie Skepsis ab, zumal die empirischen Belege - etwa: „nach Auskünften von Institutionen für strategische Forschung“ - gegenüber der mit großer Geste geschöpften Erkenntnis eher vage ausfallen.

          Aber das sind womöglich Historikerkleinlichkeiten gegenüber dem großen Ganzen. Was geschah nun also im zwanzigsten Jahrhundert? Als Hauptereignis benennt Sloterdijk die „Wahrmachung des alchemistischen Traums“. Anknüpfend an eine bis zum Beginn der europäischen Überseefahrten zurückreichende Tradition habe sich ein Umschwung vom Streben nach Erlösung zur Suche nach Erleichterung vollzogen. Mit der Dampfmaschine löste die moderne Technik Kraft von Körperanstrengung, Motoren wurden zu Agenten der Entlastung.

          Die Verschwendung der Konsumgesellschaft

          Das „Technozän“ führte einen Paradigmenwechsel von der Knappheit zum Überschuss herbei. Die Konsumgesellschaft, die sich seit den zwanziger Jahren in den Vereinigten Staaten und nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa etablierte, frönte dem Prinzip der Verschwendung. Das hatte zwei Folgen, die für Sloterdijk zu einer neuerlichen „Umwertung aller Werte“ im einundzwanzigsten Jahrhundert führen.

          Die erste Folge lag in der „Ausbeutungsverschiebung auf ein neues Unten“: massenhaft erzeugte und verwertete Nutztiere. Dass sich in dieser Hinsicht eine Umwertung anbahnt, indem die Menschenrechtsbewegung auch auf Tiere ausgeweitet wird, deutet sich in der Tat an. Die zweite Konsequenz des „Technozäns“ lag im Übergang zu fossilen Energien. Kohle und Öl waren „der wirkliche Agent des Prinzips Sofort“. Die Umwertung werde hier dazu führen, dass die „Romantik der Explosion“, an der sich das industrielle Maschinenzeitalter ergötzte, als „Ausdruckswelt eines massenkulturell globalisierten energetischen Faschismus“ erscheinen wird. Demgegenüber könnten eine „postkapitalistische Weltform und eine entsprechende Ethik“ nur „von einer neuen Interpretation der Sonne ausgehen“.

          Wenn Sloterdijk eine „hybride Synthese aus technischem Avantgardismus und ökokonservativer Mäßigung“ prognostiziert, dann überwölbt dieser große Entwurf die aktuellen Auseinandersetzungen über Klimapolitik und die Zukunft des Kapitalismus, in denen die unterschiedlichen Komponenten einstweilen freilich nicht so einfach und harmonisch zusammenpassen. Zu Recht weist Sloterdijk darauf hin, dass der Begriff des „Anthropozäns“, den der niederländische Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen 2000 aufbrachte, gerne im hohen Ton apokalyptischer Warnungen und des Rufs nach Umkehr verwendet wird.

          Auf der Suche nach der neuen Weltordnung?

          Ein Beispiel dafür ist der „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, den der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltfragen (WBGU) im Jahr 2011 unterbreitete und dem es um nicht weniger als tiefgreifende weltweite Änderungen von Infrastrukturen und Produktionsprozessen, Regulierungssystemen und Lebensstilen sowie um einen „zivilisatorischen Quantensprung“ mit dem Ziel einer „gerechten neuen Weltordnung“ geht.

          Dem scheint Sloterdijk zu entsprechen, wenn er für die Idee eines „neu zu gründenden politischen Verhältnisses namens ,Erdenbürgertum‘“ plädiert. Andererseits spricht er von „meteorologischem Sozialismus“ und einer bevorstehenden „Titanomachie“, an deren Ende sich die Menschen nach „Rettung vor den Rettern“ sehnen könnten. Zu Recht mahnt Sloterdijk die „Kritik der prophetischen Vernunft“ an. Denn während vieles für die schwerwiegende Bedrohung durch den anthropogenen Klimawandel spricht, sind in diesem Diskurs zugleich langlebige Muster erkennbar.

          Er schreibt das alte Narrativ fort, dass der Mensch durch sein Handeln die Welt ins Unheil stürze. Eine Aussage als Topos zu identifizieren bedeutet nicht, dass sie falsch ist. Aber es stellt sie in eine historische Perspektive, und in dieser zeigt sich, dass apokalyptische Mahnungen zur Umkehr sich immer wieder mit der autoritären Versuchung verbunden haben, die volonté generale zu bestimmen.

          Weit weg von Realität

          Solcher „Anmaßung von Wissen“ hat Friedrich-August von Hayek den „Markt als Entdeckungsverfahren“ gegenübergestellt. In diesem Sinne bringt auch Sloterdijk die noch unentdeckten Möglichkeiten der Technik, die „Fortführung natürlicher Produktionsprinzipien auf artifizieller Ebene“ ins Spiel. Doch beide Positionen, piecemeal engineering und Große Transformation, qualitatives Wachstum und Umkehr des Kapitalismus, gehen einstweilen nicht zusammen.

          Sloterdijks Entwurf einer zukünftigen Synthese ist groß dimensioniert, einstweilen aber entfernt von den Realitäten der aktuellen Debatte. Zugleich besagt die historische Erfahrung, nicht zuletzt des zwanzigsten Jahrhunderts, dass die Zukunft in doppelter Weise anders sein wird: anders als die Gegenwart und anders als erwartet.

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