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Peter Rühmkorf ist tot : Der Verfassungspoet aus Övelgönne

Gedichte entstanden ihm nicht aus Worten, sondern aus Einfällen Bild:

Unter den engagierten Dichtern seiner Generation war er der Spielerischste, unter den Sprachspielern der Engagierteste. Am Sonntag ist Peter Rühmkorf, der bedeutendste deutschsprachige Lyriker der Gegenwart, mit achtundsiebzig Jahren nach langer Krankheit gestorben.

          „Schaut nur nicht so bedeppert in diese Grube. / Nur immer rein in die gute Stube. / Paar Schaufeln Erde, und wir haben / ein Jammertal hinter uns zugegraben.“ Das lassen wir uns gesagt sein, das können wir jetzt gebrauchen, dieses Blatt aus dem letzten Gedichtband von Peter Rühmkorf, wir halten es uns vor die Augen. Wir lassen lieber niemanden sehen, wie wir jetzt daherschauen, nachdem die traurige Nachricht eingetroffen ist, mit der man hat rechnen müssen: Peter Rühmkorf ist gestorben.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Er war sehr krank gewesen, hatte die Routinen seines seit Jahrzehnten geordneten Arbeitslebens ändern müssen. Die Spuren der Krankheit hatte man in diesem letzten Buch, „Paradiesvogelschiß“, finden können, natürlich nur in poetischer Verarbeitung und Verwandlung, nicht im Sinne eines Nachlassens der Kräfte, sonst hätte er das Buch nicht herausgehen lassen (siehe auch: Peter Rühmkorfs neuer Gedichtband „Paradiesvogelschiß“). Dass er selbst daran gegangen war, letzte Hand an seine Papiere zu legen, sah man nicht daran, dass er sich ein Lied vom Tod pfiff und mit ihm ein Tänzchen wagte, denn das hatte er ja sein Dichterleben lang getan. Er hatte einen Schnitt gemacht und sich entschieden, in das Buch auch Unvollendetes zu packen.

          Angefangenes und Abgelebtes

          Wohlgemerkt: in einen Gedichtband. Schon immer hatte er Einblick in seine Werkstatt gewährt, seine Memoirenbücher und Journale sind voll von Angefangenem und Abgelebtem. Es entsprach seinem radikalen Gerechtigkeitssinn, einem instinktiven Vermögen und hohen Anspruch an sich und andere, einem Vermögen seelentief unterhalb allem implizit ausgehandelten, also hintenherum doch kalkulierten Empfinden, dass er sich vor der Kritik die Blöße gab, seine Materiallisten auszulegen - hatte er doch poetische und kritische Produktion von vornherein zusammengeführt und schon als Student in der „Konkret“-Kolumne „Leslie Meiers Lyrik-Schlachthof“ die Hervorbringungen der Kollegen am strengsten handwerklichen Standard gemessen.

          Peter Rühmkorf, 1929 - 2008

          1989 ließ er einen Wälzer drucken, der auf siebenhundert Seiten ein einziges Gedicht bot - mit sämtlichen Vorstufen, Sprungbrettern und Falltüren des Schaffensprozesses: „Selbst III/88. Aus der Fassung“. Der Dichter als sein eigener kritischer Editor mag in der deutschen Literaturgeschichte keine neue Figur sein, aber Rühmkorf traktierte sich selbst auf dem Niveau der damals fortgeschrittensten kritischen Editorik eines D. E. Sattler oder Roland Reuß, machte als Dichter ernst mit der von der Wissenschaft gar nicht einzuholenden Idee, alle verworfenen Versionen eines Werkes seien als Teile des Werkes zu betrachten, hätten, obwohl sie doch durchgestrichen zerknüllt wurden, Anteil an der Endgültigkeit des Werkes.

          Das Doppelgesicht des Dichters

          Dieses Denkmal, das er sich selbst errichtete, zeigt das Doppelgesicht des Dichters Peter Rühmkorf. Die Sehnsucht nach Anschluss und Verknüpfung, ja nach Auflösung und Zertrennung, wo sie das Knüpfen neuer Fäden und das Legen neuer Netze möglich machen soll - das ist der politische Rühmkorf, der Gemeinschaft stiften will. Die Selbstbetrachtung, ja Selbstbespiegelung, die der Gedichttitel ankündigt und das Buch dann durchspielt unter Übertretung aller Schicklichkeitsgrenzen, die von bürgerlichen Offenbarungskulturprodukten wie Brief, Testament und Diavortrag gewahrt werden - das ist der Künstler, der seine unübersetzbaren Eigenarten kultiviert und von der universellen Aussagekraft seiner krakeligen Handschrift überzeugt ist. Vollkommen zu Recht.

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