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Peter Handke : Besuch bei Slobodan

  • -Aktualisiert am

„Tragische Figur”? Milosevic vorm Tribunal Bild: AP

Man verzweifelt angesichts dieser Vergeudung intellektueller und rhetorischer Kraft: Peter Handke besucht Slobodan Milosevic in dessen Büro im Gefängnis und scheitert bei der Suche nach der tieferen Wahrheit.

          5 Min.

          Man hätte gerne mehr erfahren von den gut drei Stunden, die der österreichische Schriftsteller Peter Handke mit dem ehemaligen serbischen und jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic in dessen Büro im Gefängnis des Haager Tribunals zu Scheveningen zugebracht hat.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Am Ende bleibt ein dürrer Bericht über den Monolog, den der prominenteste und wohl wichtigste Angeklagte des Tribunals mit dem Schriftsteller geführt hat. Doch aus diesem Bericht geht schon so viel hervor, daß man nach der Lektüre der zwanzigseitigen „Reiseerzählung“ Handkes in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Literaturen“ umso verzweifelter ist angesichts dieser Vergeudung intellektueller und rhetorischer Kraft.

          Scheinbar nebensächliche Details

          Schon recht, es kommt beim Dichter Handke auf die literarischen Aus- und Abschweifungen an, auf die scheinbar nebensächlichen Details. Nicht umsonst nennt Handke seinen Text mit dem bis zuletzt kryptischen Titel „Die Tablas von Daimiel“ im Untertitel einen „Umwegzeugenbericht zum Prozeß gegen Slobodan Milosevic“. Es sind ja gerade die Umwege, auf welchen Handke mehr Wahrheit über die Vorgänge im zerfallenen Jugoslawien zu finden beansprucht als mittels der „langjährigen Pauschalisierungen Serbiens“, die er den meisten Journalisten vorwirft, die sich während der Kriege in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem Zerfall des Vielvölkerstaates auf dem Balkan beschäftigt hatten.

          Will genau hinschauen: Handke

          Der neue Text Handkes, der an seine früheren Reiseberichte durch Serbien, Bosnien und das Kosovo sowie zum Haager Tribunal anknüpft, verdankt seine Entstehung dem Umstand, daß die vom Tribunal bestellten Pflichtverteidiger von Milosevic den Dichter als einen von 1600 Zeugen der Verteidigung hatten vernehmen wollen.

          Ein „Experten-Zeuge“

          Nicht als Tatzeugen, der mit eigenen Augen und Ohren ein Verbrechen begangen, beobachtet oder überlebt hat, sondern als einen der „Experten-Zeugen“, deren Rolle bei den Prozessen vor dem Tribunal darin besteht, den größeren historischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu beleuchten, in welchem die schlimmsten Massaker und Vertreibungen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges möglich wurden.

          Handke schildert in der ihm eigentümlichen Suada, die man als kunstvoll goutieren oder unter ihr als einem schwer erträglichen Manierismus leiden kann, warum er die Einladung zur Zeugenaussage schließlich abgelehnt hat - nicht aber die Einladung, mit Milosevic in dessen Büro im Scheveninger Gefängnis zu sprechen, in welchem dieser seine Verteidigung, die er selbst und ohne anwaltlichen Beistand führen will, vorbereitet.

          „Genauigkeit und Seele“

          Wie in allen Texten Handkes zur Zerfalls- und Kriegsgeschichte Jugoslawiens muß man um der analytischen Klarheit willen auch in seiner jüngsten Reiseerzählung zwei Ebenen unterscheiden, obwohl - oder vielmehr gerade weil - Handke die Ebenen-Oszillation zu seiner spezifischen Kunstform entwickelt. Man kann diese Ebenen mit Robert Musil, auf den sich Handke in seinem Bericht über den Besuch bei Milosevic mit der Formel von einer möglichen „Parallelaktion“ ausdrücklich bezieht, als jene von „Genauigkeit und Seele“ beschreiben.

          Handke erhebt den Anspruch, einerseits genauer zu sein als die Journalisten, von denen er bekanntermaßen keine hohe Meinung hat. Auf der anderen Ebene aber will der Wort-Künstler die tiefere Wahrheit der Geschehnisse ergründen, gleichsam die Seele der Geschichte ausleuchten, die den böswilligen oder auch nur unbedarften Wort-Handwerkern vom journalistischen Tagesgeschäft verborgen bleiben muß.

          Scheitern auf zwei Ebenen

          Handke scheitert in seinem jüngsten Text abermals auf beiden Ebenen: weder Genauigkeit noch Seele. Da gibt es viele sachliche Ungenauigkeiten und Widersprüche, auf die es aber gerade ankommt, wenn sich der Dichter mit den Journalisten in deren staubiger Arena balgen will. Milosevic wird eingangs als „der ehemalige Präsident Jugoslawiens, dann Serbiens“ beschrieben, obwohl er zuerst serbischer Präsident war - und ein paar Seiten später schreibt es Handke auch richtig.

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