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PEN-Literaturfestival : Auf Wortbesen den Tyrannen entgegen

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Wo sind all die Intellektuellen hin? Salman Rushdie fordert vom Literaten mehr Partizipation am öffentlichen Leben Bild: REUTERS

Usamas Terror, Chinas Missachtung der Menschenrechte: Beim Literaturfestival des PEN in New York machten sich Autoren auf die Suche nach dem öffentlichen Intellektuellen.

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          Salman Rushdie will von Pakistan wissen, wie Usama Bin Ladin sich mitten im pakistanischen Alltag niederlassen konnte, jahrelang und scheinbar unbemerkt. Er verzichtet dabei auf jede diplomatische Rücksichtnahme: „Wenn Pakistan nicht die entsprechenden Antworten liefert, ist vielleicht die Zeit gekommen, es zum terroristischen Staat zu erklären und aus der Staatengemeinschaft auszuschließen.“

          Rushdie war einer der ersten Intellektuellen, die sich nach der Tötung von Usama Bin Ladin zu Wort meldeten. Und das war kein Zufall. Als einer der Oberhäuptlinge des amerikanischen PEN hatte er gerade ein weltweit ausholendes Riesenfestival über die Bühne gebracht, in dem die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft zur Debatte stand. Das siebte PEN World Voices Festival of International Literature stand im Zeichen einer Figur, die zumindest in Amerika zu den aussterbenden Arten gehört: des „public intellectual“, des öffentlichen Intellektuellen.

          Rushdie will die schweigsamen Kollegen wieder dazu bringen, ins öffentliche Leben hineinzurufen, wie er jetzt im „The Daily Beast“, dem nicht eben hochgeistigen Nachrichtenportal, erklärte. Dazu erinnerte er sie beim Festival an jenen legendären PEN-Kongress, der 1986 von New York aus die Welt kräftig aufzumischen versuchte. Es fehlte nur, dass Rushdie ausgerufen hätte: „Das waren vielleicht noch Zeiten!“

          Nobelpreisträgerin Toni Morisson glaubt an die Macht des Wortes

          Die Moral der Literatur gegen die Indifferenz des Markts

          Aber die Erzählungen des Teilnehmers, der sich unter den versammelten Literaturstars wie ein „Junge in der Ecke“ fühlte, genügten schon, seine Zuhörer von heute in nostalgische Melancholie zu versetzen. Amerika und der Erdkreis wollten damals noch wissen, was Saul Bellow, Norman Mailer, Nadine Gordimer, Czeslaw Milosz, Arthur Miller, Grace Paley, John Updike, Susan Sontag und Günter Grass miteinander zu bereden hatten, wie sie zwischen Feminismus, Apartheid und all den anderen hell auflodernden Zeitthemen auf die aufregendsten Abwege gerieten und warum dabei geradezu automatisch auch die Fetzen flogen.

          Ein ganzer Arbeitstag war während des Festivals reserviert, um darüber nachzudenken, wie eine solche Breitenwirkung wiederherzustellen wäre. Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, auch sie war bereits 1986 dabei, beklagte erst einmal eine Gegenwart, die sich über sich selbst schämen sollte, über ihre Lust am endlosen Spektakel, an Unterhaltung und Profit. Dagegen, meinte sie, könne nur eine Literatur helfen, die sich ihrer moralischen Wurzeln entsinne und vor sensationslüsternen Medien nicht ins Wanken gerate. Nur wie der Kampf zu gewinnen wäre, blieb ausgesprochen vage. Außer ihrem Glauben an die Macht des Wortes hatte sie nichts anzubieten. Auch G. M. Tamás, der die Unverzichtbarkeit des „public intellectual“ in den schönsten Farben schilderte, versäumte uns mitzuteilen, wie es ihm gelingen könnte, die zunehmend indifferente Öffentlichkeit zurückzuerobern.

          Da war Dale Peck, einer der bösen Buben der amerikanischen Literatur und dazu einflussreicher Literaturkritiker, doch etwas präziser. Nach seiner atemlosen Tirade gegen den aktuellen Markt, gegen Verleger, die unterm Joch des Kommerzes zu Zensoren würden, und gegen den Internethändler Amazon, der sich als Freund des Schriftstellers ausgebe, ihn in Wahrheit aber bestehle, wollte er tatsächlich einen Silberstreif am Horizont gewahren. Nirgendwo anders als im Netz sah er ihn aufleuchten, in digitalen Buchhandlungen und Verlagen, die von den Schriftstellern in eigener Regie betrieben werden. Zukunftsmusik? Nein: „Diese Welt befindet sich zurzeit im Entstehen.“ Von so viel Zuversicht erfrischt, war das Publikum auch für Visionen empfänglich, die der schriftstellerischen Phantasie zutrauten, den Staat und die Gesellschaft zu prägen.

          Ansichten eines Feiglings

          Ein paar Nummern kleiner waren die Wünsche der ernsten, idealistischen Studenten vom feinen Bard College, die erst die Unvollkommenheiten ihrer globalen Heimat Revue passieren ließen, nur um danach die versammelten Schriftsteller aufzufordern: „Also, schreiben Sie darüber!“

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