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„Der Nagel im Kopf“ : Ich-Entfesselung

Dieser Spielfilm über die nationalsozialistische Schreckensherrschaft veränderte das Leben von Paul Nizon: Szene aus Gillo Pontecorvos „Kapò“, gedreht 1959. Bild: Interfoto

Paul Nizons neuer Band mit Journal-Einträgen aus den Jahren 2011 bis 2020 ist das Dokument eines erst scheiternden und nun geretteten Lebensstoffs.

          4 Min.

          ­Paul Nizon ist vor Kurzem zweiundneunzig geworden, doch sein Beschreibungsbedürfnis ist ungebrochen. Es ist das ­Lebenselixier des in Paris lebenden Schweizers, und als sein Hausarzt ihm vor zehn Jahren riet, dem „Schreibleistungsprinzip“ doch einmal zu ent­sagen und nichts zu tun, „wenn möglich Urlaub nehmen“, da notierte Nizon in seinem permanent geführten Journal einigermaßen fassungslos: „Urlaub von mir?“ Mehr als jeder andere lebende Großschriftsteller – und bei ihm ist diese anachronistisch gewordene Bezeichnung noch angebracht – lebt Nizon vom Schreiben. Nein, das klingt zu finanziell. Er lebt fürs Schreiben.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Seine Bücher waren schon Autofiktionen, als noch niemand diesen Begriff verwendete. Der Debütroman „Canto“, 1963 erschienen und vor zwei Jahren neu aufgelegt, hat das Stipendienjahr 1960 des damaligen Kunstkritikers in Rom zur Grundlage und erzählt in kaum verbrämter Offenheit das Privatleben seines Autors neu, vor allem seine Faszination für Frauen. Das mag banal klingen, doch Nizon verfügt dabei über ein psychologisches Einfühlungsvermögen, das keine Rücksichten auf sich selbst nimmt. Analog zu einer seiner typisch-markanten Begriffsprägungen, die einen Hauptreiz der Lektüre seiner Bücher ausmachen, der „Ich-Verfesselung“ im Moment einer Schreibblockade, müsste man von dem Moment an, als Nizon das freie Schreiben aufnahm – seinen Posten als Feuilletonredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ kündigte er mit Beginn der Arbeit an „Canto“ –, von Ich-Entfesselung sprechen.

          Im jüngsten Vierteljahrhundert seines Schaffens sind denn auch konsequent die von ihm so genannten „Journale“ in den Mittelpunkt getreten. Der erste Journalband, „Die Innenseite des Mantels“ mit Einträgen aus den Achtzigerjahren, war schon 1995 erschienen, 2002 folgte dann der mit den frühesten Notaten, einsetzend 1961, also mit Beginn der Existenz als freier Schriftsteller, und schon 2004 legte Nizon jenen nach, der den Titel trug, der über allen seinen Büchern stehen könnte: „Das Drehbuch der Liebe“ (die darin enthaltenen Einträge entstammten den Siebzigern, als Nizon an seinem berühmtesten Roman, „Das Jahr der Liebe“, schrieb, aber dessen Titel ist eine Zuspitzung, während Nizon seine ganze Lebenszeit als Liebesjahre begreift). Die Journale schienen die Aufmerksamkeit ihres Verfassers zu bannen: 2005 erschien als bislang letzter Roman „Das Fell der Forelle“. Seitdem ist der Romancier neben dem „Journalisten“ verstummt, aber natürlich schrieb Nizon in beiden Funktionen weiter. Vor mittlerweile fünfzehn Jahren wurde ein neues Romanprojekt begonnen: „Der Nagel im Kopf“.

          Keimzelle fürs Lebensthema

          Doch so heißt jetzt der neueste Journalband, der Notate aus den Jahren 2011 bis 2020 zum Gegenstand hat, der – so wäre man versucht zu sagen – Inkubationszeit des Romans. Und auch ein Dokumentarfilm über Nizon, der 2020 in die Schweizer Kinos gelangte, trägt diesen Namen. Es spricht also nicht mehr viel dafür, dass der Roman vollendet wird, denn der Titel ist ja nun verbraucht.

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