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Patrick Bahners : Mein Lieblingsbuch: „Überredung“

  • Aktualisiert am

Den eigenen Namen suchen: Jane Austens „Überredung” Bild: Reclam Leipzig

Jane Austens Romane sind ein perfektes Vergnügen, weil sie unsere weniger attraktiven Grundbedürfnisse befriedigen, unserer Eitelkeit schmeicheln und unsere Schadenfreude füttern.

          Sir Walter Elliott, von Kellynch Hall in Somersetshire, war ein Mann, der zu seiner eigenen Unterhaltung nie ein anderes Buch in die Hand nahm als das Baronetage, das britische Adelsverzeichnis. Dort fand er Beschäftigung für eine müßige Stunde und Trost in einer kummervollen. Dort wurde sein Geist zu Bewunderung und Respekt emporgehoben bei Betrachtung der beschränkten Überreste der ältesten Patente. Dort verwandelten sich alle unwillkommenen Gefühle, wie sie aus häuslichen Angelegenheiten entstanden, auf natürliche Weise in Mitleid und Verachtung, wenn er die fast endlosen Erhebungen des letzten Jahrhunderts durchblätterte. Und dort, wenn jedes andere Blatt machtlos war, konnte er seine eigene Geschichte mit einem Interesse nachlesen, das ihn niemals im Stich ließ. Dies war die Seite, bei der sich das Lieblingsbuch jedesmal öffnete: ELLIOTT VON KELLYNCH HALL."

          Und diese Seite, die erste des Romans "Überredung" von Jane Austen, ist es, die ich nicht oft genug aufschlagen kann. Sie ist bei jedem Wiederlesen so komisch wie bei der ersten Lektüre und eignet sich auch vorzüglich zum Vorlesen. Erst jetzt, da ich sie in kritischer Absicht hervorhole, bemerke ich, daß sie auf dem kleinen Raum des Porträts eines kleingeistigen Menschen auch eine kleine Theorie der Liebe zur Literatur enthält.

          Ein perfektes Vergnügen

          Wir nehmen Bücher zur Hand, um uns zu unterhalten, zum Zwecke des eigenen "amusement". Das ist sich Grund genug und erübrigt eigentlich alle weiteren Gedanken. Ohne daß es uns zum Problem wird, dient die Lektüre indes der Distinktion. Von anderen handeln die Bücher, von Menschen, die das ganze Spektrum der menschlichen Möglichkeiten repräsentieren. Beim Studium ihrer Schicksale bilden wir elementare moralische Leidenschaften aus, die nicht durchweg hochstehend sind, sondern ihrerseits ein Spektrum durchmessen von der Bewunderung, die wir den glücklichen wenigen zollen, bis zur Verachtung für den ganzen Rest.

          Jane Austens Romane sind ein perfektes Vergnügen, weil sie unsere weniger attraktiven Grundbedürfnisse befriedigen, unserer Eitelkeit schmeicheln und unsere Schadenfreude füttern. Auf dem Aussichtsturm der allwissenden Erzählerin sitzen wir und kommen uns mächtig schlau vor.

          Und wem blicken wir da auf der ersten Seite von "Überredung" über die Schulter? Die Liebe zur Literatur ist von der Eigenliebe nicht zu trennen. Jedem von uns geht es so wie Sir Walter Elliott, von Kellynch Hall: Wir wollen die eigene Geschichte lesen und suchen den eigenen Namen.

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