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Patricia Highsmith, geboren als Mary Patricia Plangman am 19. Januar 1921 in Fort Worth in Texas, gestorben am 4. Februar 1995 im schweizerischen Locarno Bild: Ullstein

100 Jahre Patricia Highsmith : Sympathie für den Teufel

Patricia Highsmith hat ihre Kriminalromane zerlegt, durcheinandergewürfelt und mit ihnen meistens das Gegenteil davon gemacht, wozu sie da waren. Zum hundertsten Geburtstag einer schöpferischen Zerstörerin.

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          Die erste der frühen Geschichten, die ihr Verlag zum hundertsten Geburtstag von Patricia Highsmith unter dem Titel „Ladies“ herausgebracht hat, handelt von einem schottischen Frauenkloster des 15. Jahrhunderts. Einem strengen, denn Männer kannten seine Insassinnen nur aus der Bibel. Nachdem das Kloster ein ausgesetztes Kind aufgenommen hatte, begannen die Schwierigkeiten. Denn es war ein kleiner Junge. „Wir geben ihm einfach einen Mädchennamen und sagen nichts“, beschlossen zwei Schwestern. Auch Mary, wie er oder sie nun hieß, wurde nichts gesagt. „Ein Junge ist das, was passiert, wenn ein Kind kein Mädchen ist“, aber sie seien ausgestorben.

          Doch bald schien sich Mary einen eigenen Reim auf die Sache mit den Männern machen zu wollen. Er wurde unbotmäßig, las botanische Bücher, verachtete den Unterricht, war auch durch Strafen nicht mehr zu zähmen. Am Ende fliegt das Kloster, nachdem Mary seinen Abschied durchgesetzt hat, in die Luft. Durch Sprengstoff aus Knallfröschen, die benutzt worden waren, um in den Biologiestunden Frösche zu „sezieren“.

          Patricia Highsmith ist achtzehn, als sie diese Legende mit erst chloroformierten, dann gesprengten Fröschen schreibt. Tiertöter und -quäler werden es bei ihr nie gut haben. In einer texanischen Einöde geboren, lebt sie inzwischen in New York und studiert. Mary ist ihr erster Vorname. Sie hat von Kindheit an viel gelesen, Anatomie und Psychopathologie eingeschlossen, hat notiert, dass sie am selben Tag wie Edgar Allan Poe geboren ist, verabredet sich mit Männern, aber lieber mit Frauen und beginnt als Comic-Texterin zu arbeiten. Nebenbei Geschichten mit Leichen. 1945 schreibt sie die letzte des vorliegenden Bandes: über einen Aktienhändler, der privat liebevoll Schnecken studiert, die sich nach acht Seiten der Geschichte in seinem Haus so vermehrt haben, dass er an ihnen ekelhaft erstickt. Auch Tierliebe kann im Schrecken enden. Im selben Jahr beginnt sie den Roman, der sie 1951 bekannt machen wird, weil Alfred Hitchcock ihn für einen Film verwendet, „Strangers on a Train“ („Zwei Fremde im Zug“).

          Patricia Highsmith, 1957 im Garten ihres Hauses am Hudson
          Patricia Highsmith, 1957 im Garten ihres Hauses am Hudson : Bild: INTERFOTO

          Als Highsmith 1995 in Locarno stirbt, ist sie eine Weltschriftstellerin ohne amerikanischen Verleger mit zweiundzwanzig Romanen, neun Bänden mit Kurzgeschichten und einem Essayband über das Verfertigen von Plots und Spannungsliteratur („suspense fiction“). Aus ihren nachgelassenen Notizbüchern geht hervor, wie viel sie an diesem Werk gearbeitet hat. Ohne Unterlass schreibt sie ihre Romane um, mitunter jahrelang und mühevoll.

          Zum einen, um zu jener stil- und erklärungsfreien Prosa zu kommen, die Peter Handke einmal an ihr festhielt. Wie Kieselsteine wollte sie die Tatsachen vor sich sehen. Nicht nur hält sie Uhrzeiten, Bekleidungen, Gesten und Interieurs zugleich akribisch wie lakonisch so fest, dass die Leser kaum merken, in welche Motivationen und Handlungen sie durch Beschreibungen hineingezogen werden. „Bruno hatte sonderbare Füße, fiel ihm auf, aber vielleicht lag es auch an den Schuhen, deren längliche glatte Kappe an Brunos eckiges Kinn erinnerten“, heißt es nach wenigen Minuten jener Begegnung der Fremden im Zug, und im Rückblick ist schon hier klar, wie sehr die beiden Männer nicht nur durch ihre Morde verbunden sein werden.

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