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Muslime in Frankreich : In der Rolle der Entrechteten

Freitagsgebet: Gläubige in der Moschee im französischen Cherbourg-Octeville. Bild: AFP

Im Westen nichts Neues: Der französische Philosoph Pascal Bruckner fragt, was an dem Vorwurf dran ist, in Frankreich grassiere Islamophobie. Er erkennt darin den Versuch, Kritik an der Religion zu unterdrücken.

          Dass der Rassismus ein schlimmes Übel ist und es in Frankreich durchaus einen Rassismus gegen die islamische Bevölkerung gibt, weiß Pascal Bruckner zur Genüge. Er ist auch keineswegs bestrebt, ihn zu verniedlichen. Doch sein Augenmerk richtet er auf den „imaginären Rassismus“, den die Islamisten dem Westen und dem laizistischen Frankreich im Besonderen unterstellten. Bruckner zielt damit auf den Vorwurf der „Islamophobie“, mit dem sich in seinen Augen weite Teile der Linken identifizieren und dabei die muslimischen Einwanderer zu den neuen Entrechteten und Unterdrückten des Systems verklären.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Der 1948 geborene Bruckner gehörte zu den jungen „Neuen Philosophen“, die sich vom Marxismus abwandten und der antitotalitären Aufklärung verschrieben. Bruckner, der bei Roland Barthes studierte und mit seinem Buch über „Die neue Liebesunordnung“ – das er zusammen mit Alain Finkielkraut schrieb – bekannt wurde, hat die politische Entwicklung in Frankreich seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet. Er unterstützte den Krieg im Irak, bezeichnete ihn aber später als Irrtum. 2007 sprach er sich für Sarkozy aus, von dem er sich aber „aus Enttäuschung“ schnell wieder entfernte. Mehrere seiner Essays, die hohe Auflagen erreichen, erschienen in deutscher Übersetzung. Vor kurzem veröffentlichte er ein ergreifendes Buch über die faschistische Vergangenheit seines Vaters.

          Folgen von Faschismus und Kolonialismus

          Bruckners Essay „Das Schluchzen des weißen Mannes“ war eine frühe Abrechnung mit der Dritte-Welt-Ideologie und handelte vom „schlechten Gewissen des Westens“ als Folge von Faschismus und Kolonialismus. Mit diesem schlechten Gewissen begründet der Autor die fahrlässige Sympathie für die Strategie des Islams. In der Logik der antitotalitären Aufarbeitung und Aufklärung behandelt er den Islamismus als Ideologie. Der Dschihadismus ist für ihn „kein soziales, sondern ein theologisches Problem“. Und alles andere als eine „Wahnvorstellung“ sei die Angst vor der Invasion des Westens durch den Islam.

          Europas rechte Internationale: Frauke Petry, Marine le Pen, Matteo Salvini von der Lega Nord und Geert Wilders (von links).

          Bruckner berichtet, dass die Rede von einer „Islamophobie“ im neunzehnten Jahrhundert in den französischen Kolonien aufkam, als die Muslime für die verlässlichsten Verbündeten Frankreichs galten, die man unterstützen wollte. Danach verschwand die „Islamophobie“ aus dem Vokabular und tauchte erst im Umfeld der Fatwa gegen Salman Rushdie in England wieder auf.

          Der Vorwurf der „Islamophobie“ unterbindet für Bruckner jede Kritik an der Religion durch Nichtgläubige – und verhindere gleichzeitig die Reform fundamentalistischer Dogmen durch gemäßigte Muslime, denn für die Fundamentalisten sei der Islam ein „erratischer Block“. Zudem würde er in einer Konkurrenz von Minderheiten um einen Opferstatus eingesetzt: „Die neuen Juden sind wir.“ Verbote des Schleiers oder Vorbehalte gegen Halal-Mahlzeiten in Kantinen würden entsprechend als erste Etappe einer Verfolgung gedeutet. Und wer die Mitverantwortung des Islams für die Attentate diskutieren will, würde zum Rassisten gestempelt.

          Islam in Frankreich: Gläubige auf dem Weg zur Moschee im südfranzösischen Frejus.

          Bruckner selbst wurde vor Gericht gebracht, als er von „Kollaboration“ mit den Terroristen sprach. Er warf sie jenen vor, die nach den Attacken in der Silvesternacht in Köln nicht die Opfer, sondern die Täter verteidigten, und auch Linken, die den Schleier als Ausdruck der Freiheit für die Frauen verteidigen. Energisch legt er sich mit dem Philosophen Alain Badiou und auch mit Michel Onfray an. Am heftigsten kritisiert er den „Neoheideggerianer“ Jean-Luc Nancy. Dessen Reaktion auf den Anschlag am Nationalfeiertag in Nizza resümiert er so: Wir sind selbst schuld, mit unserem westlichen „Willen zur Macht“ und unserer „Obsession der Herrschaft“ und „merkantilen Fettleibigkeit“ hätten wir offensichtlich nichts anderes verdient. Mit Edgar Morin und dem Papst rechnet Bruckner gleich auch noch ab. Das Motiv sei, so meint er, doch immer das gleiche: „Die Feinde unserer Gesellschaft sind unsere Freunde. Selbst wenn es sich dabei um Barbaren handelt, man muss sie unterstützen. Denn das einzige Übel in der Welt ist der Westen.“

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