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Pariser Literaturpreise : Preisgegebene Freundschaft

Der Prix Goncourt wurde in diesem Jahr an Hervé Le Tellier verliehen. Bild: dpa

In Paris öffnen die Buchhandlungen wieder und damit können auch wichtige Literaturpreise vergeben werden. Die Jurys gehen auf Distanz.

          3 Min.

          Wildterrine mit gestopfter Gänseleber und Trüffel, Seebarsch an jodierter Krebssoße, Fasan, Gemüse, Kastanien, Rebhuhn mit Apfel im Speck, Käse und Dessert wurden aufgetragen. Damals, im Herbst 2019, als die Goncourt-Jury im Pariser Restaurant Drouant, in dem sie mehrmals jährlich tagt und tafelt, ihren Literaturpreis vergab. Jetzt ist das Lokal geschlossen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nach den Attentaten vom November 2015 hatte Paris seine Restaurants zum Inbegriff einer vom islamistischen Totalitarismus und Terrorismus bedrohten Lebenskunst, ja Zivilisation verklärt. Im Verlagswesen sind sie allerdings auch als Symbol der Beziehungskorruption berüchtigt: Verleger, Herausgeber, Schriftsteller laden Kritiker und Juroren ein – die meisten sind in mehreren Funktionen tätig. Der Parier Kulturminister Christophe Girard strauchelte unlängst über seine Bewirtungskosten: Er hatte den pädophilen Schriftsteller Gabriel Matzneff regelmäßig im Restaurant getroffen.

          Noch immer leidet der Prix Renaudot unter dem Skandal seiner Verleihung an Matzneff. Vor dem verspäteten Auftakt zum diesjährigen Preisregen veröffentlichte „Le Monde“ eine Reportage über die Machenschaften der Renaudot-Jury, die ihre Preise bevorzugt an Freunde und Kollegen vergibt. Der Journalist Jérôme Garcin, der wegen der Matzneff-Affäre zurücktrat, ist noch nicht ersetzt worden. Die Jury umfasst acht Männer und eine Frau.

          Keine Bücher, keine Preise

          Nicht wegen der Schließung der Restaurants, sondern der Buchhandlungen hatten der Prix Goncourt, bei dem die schriftstellerin Virginie Despentes als Jurorin demissionierte, und der Prix Renaudot ihre diesjährigen Krönungszeremonien verschoben: keine Bücher, keine Preise. Ausgerechnet in der französischen Republik des Geistes war das Buch als „nicht lebenswichtig“ eingestuft worden.

          Auch die Schriftsteller protestierten und bezahlten die Strafgelder für heimlich geöffnete Buchhandlungen. Bei deren Kontrollen notierten die Polizisten die Personalien der Kunden. Von bewaffneten CRS-Truppen wurden jene Autoren überwacht, die sich auf einem Schiff versammelt hatten. In ihrer Mitte las Präsident Macrons erste Kulturministerin Françoise Nyssen, Verlegerin in Arles, den Brief einer festgenommenen Buchhändlerin vor.

          Solcher Protest und das Ultimatum der Literaturpreise blieben nicht ungehört: Am vergangenen Samstag durften die Buchhandlungen öffnen, am vorgestrigen Montag vergaben daraufhin die beiden Jurys sofort ihre Preise. Sie kommen damit rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft, das die Jahresbilanzen einer Branche retten soll, der es gar nicht so schlecht geht – jedenfalls sehr viel besser als der Gastronomie. Aber auch angesichts des unverhofften Bedeutungsschubs, den die staatliche Repression dem Buch verliehen hat, und der Vertrauenskrise, in der die Preisjurys stecken, wurden die Vergaben mit besonderer Spannung erwartet.

          Pariserischer Korruption unverdächtig

          Der Prix Renaudot geht an ein Buch, das diesen Preis verdient und brauchen kann. Mit „Freudensprüngen“ hat der Kritiker Yves Jaeglé auf die Wahl der wenig bekannten Schriftstellerin Marie-Hélène Lafon reagiert: Er gehöre zum kleinen „Kreis ihrer heimlichen Bewunderer“. In „Histoire du fils“ erzählt Lafon über ein Jahrhundert hinweg die Saga einer Familie mit einem Geheimnis. Das Buch erscheint im traditionsreichen Verlag Buchet Chastel, der aber nicht zu den großen französischen Konzernen gehört und somit keinerlei pariserischer Korruption verdächtig ist: Er ist von einem Westschweizer Verlag der Mäzenin Vera Michalski übernommen worden.

          Auch die im Corona-Gefährdungsalter stehenden, auf Lebenszeit gewählten Damen und Herren des Prix Goncourt waren diesmal um Distanz bemüht. Schon in den Vorentscheidungen nahmen sie die neuen Bücher von Emmanuel Carrère und Raphaël Enthoven, die beide intimste Familiengeschichten aus dem Pariser Literaturbetrieb erzählen, aus dem Rennen. Mit seiner Ödipus-Abrechnung machte Enthoven auch die Chancen seines bestens vernetzten Vaters Jean-Paul Enthoven zunichte, dessen neuer Roman gleich auf beide Preise spekulierte. Wären die Restaurants offen geblieben, hätte man sich vielleicht aussprechen können – über die Sozialen Netzwerke geht das nicht.

          Via Zoom wurde der Prix Goncourt an Hervé Le Tellier verliehen. Der Schriftsteller saß bei seinem Verleger Gallimard. der Juror Patrick Rambaud interviewte ihn von zu Hause aus, und dessen Kollege Pierre Assouline, der dem Pariser Lockdown entflohen war, wurde aus Marokko zugeschaltet. In Le Telliers „L’Anomalie“ geht es um echte und virtuelle Existenzen – „Matrix und Nietzsche“, schwärmt ein Kritiker. Ein richtiger Wohlfühlroman, lobte Tahar Ben Jelloun bei der Zoom-Zeremonie und bedankte sich bei Le Tellier: „Alles, was über den Islam gesagt wird, stimmt. Dieses Buch ist wunderbar. Es wird viele entzücken und ihnen gut tun. Danke, dass Sie es geschrieben haben.“

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